Handwerk: Steigende Ausbildungszahlen trotz Industriekrise
Handwerk: Ausbildungszahlen steigen trotz Industriekrise

Die Ausbildungszahlen im deutschen Handwerk steigen entgegen dem gesamtwirtschaftlichen Trend weiter an. Zwischen Januar und Juni 2026 wurden knapp 67.800 neue Ausbildungsverträge in die Lehrlingsrollen eingetragen – ein Plus von über 3.160 Verträgen beziehungsweise 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das gab Handwerkspräsident Jörg Dittrich bekannt.

Handwerkspräsident spricht von Lichtblick

Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), bezeichnete die Entwicklung als „Lichtblick in einer insgesamt schwierigen Lage“. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Wir steuern auf das vierte Jahr in Folge mit steigenden Neuvertragszahlen zu.“ Besonders bemerkenswert sei der Juni-Wert: „Einen so hohen Juni-Wert hatten wir zuletzt 2018. Das ist eine nachdrückliche Botschaft: Junge Menschen entscheiden sich bewusst für das Handwerk.“

Obwohl das Ausbildungsjahr in vielen Bundesländern bereits Anfang August beginnt, sind laut Dittrich Ausbildungsstarts noch bis weit in den Herbst hinein möglich. „Allein über die Lehrstellenbörsen der Handwerkskammern werden derzeit noch Auszubildende für 20.460 offene Ausbildungsstellen gesucht.“ In einigen Kammerbezirken gebe es sogar zweistellige Zuwächse.

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Gründe für den Aufwärtstrend

Dittrich nannte mehrere Ursachen für die steigenden Ausbildungszahlen im Handwerk. „Erstens: KI. Junge Menschen erkennen, dass das Handwerk eine echte Alternative bietet, wenn sie einen sicheren Job haben wollen.“ Zweitens seien die Imagekampagne des Handwerks und Werbebemühungen offensichtlich in der Gesellschaft angekommen. Drittens hätten sich die Verdienst- und Karrieremöglichkeiten im Handwerk verbessert. „Und viertens: Teile der Industrie haben die Zahl ihrer Ausbildungsplätze aufgrund der Weltmarktlage massiv verringert.“

Hintergrund ist, dass viele Industriebranchen derzeit in einer Krise stecken. Als Beispiel führte Dittrich einen Elektromeister aus Stuttgart mit einem Betrieb von 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an: „Er hatte über Jahre Schwierigkeiten, seine drei oder vier Ausbildungsplätze im Umfeld der Automobilindustrie zu besetzen. Jetzt hat er 90 Bewerbungen.“

Forderungen nach mehr Investitionen

Die Verantwortung des Handwerks bei der Ausbildung müsse entsprechend gewürdigt werden, forderte Dittrich. Die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung müsse endlich gesetzlich verankert werden. „Und sie muss an der finanziellen Ausstattung deutlich werden.“ Die Bildungszentren hätten erheblichen Sanierungsbedarf.

„Dieser darf nicht nur benannt, sondern muss auch finanziell hinterlegt werden. Es kann nicht sein, dass wir junge Menschen in Bildungszentren schicken, die 30, 40 oder 50 Jahre alt sind und dringend modernisiert werden müssen“, sagte Dittrich. „Dieser Sanierungsstau muss genauso ernst genommen werden wie bei maroden Brücken. Die Bildungszentren müssen saniert werden und dafür ist die Ausfinanzierung bisher nicht gegeben.“

Kritik an geplanten Kürzungen

Dittrich wandte sich zudem gegen geplante Kürzungen bei Programmen zur Förderung der Ausbildung. So solle das Programm „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“ Ende 2027 auslaufen. „Über Jahre entstandene regionale Netzwerke dürfen nicht aufs Spiel gesetzt werden“, warnte der Handwerkspräsident.

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