Industrie: Auftragsplus im Mai überrascht mit 1,9 Prozent
Auftragsplus: Industrie überrascht mit 1,9 Prozent im Mai

Die deutsche Industrie hat im Mai überraschend deutlich mehr Aufträge erhalten. Der Auftragseingang stieg saison- und kalenderbereinigt um 1,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Montag in Wiesbaden mitteilte. Von Bloomberg befragte Volkswirte hatten lediglich ein Plus von 1,1 Prozent erwartet. Allerdings konnte der Rückgang aus dem Vormonat nicht wettgemacht werden: Im April waren die Aufträge um revidierte 3,2 Prozent gesunken, nach einer ersten Schätzung von minus 3,8 Prozent.

Großaufträge und Auslandsnachfrage stützen

Das Bundeswirtschaftsministerium kommentierte die Zahlen mit verhaltenem Optimismus: „Zuletzt scheinen die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe jedoch ihrem Aufwärtstrend, der in der zweiten Jahreshälfte 2025 eingesetzt hat, wieder fortzusetzen.“ Allerdings sei die Entwicklung aufgrund von Großaufträgen nach wie vor sehr volatil. Ohne Berücksichtigung dieser Orders betrug der Anstieg nur 1,0 Prozent. Die Auslandsaufträge legten insgesamt um 2,2 Prozent zu, wobei die Nachfrage aus der Eurozone um 11,2 Prozent stieg, während Aufträge von außerhalb der Eurozone um 3,2 Prozent sanken. Inlandsaufträge erhöhten sich um 1,3 Prozent.

Hoffnung auf moderate Erholung

Commerzbank-Ökonom Marco Wagner äußerte sich hoffnungsvoll: „Insgesamt machen die heutigen Zahlen Hoffnung auf eine moderate Erholung der deutschen Industrie, die nach einer langen Stagnationsphase zuletzt auch noch vom Iran-Krieg gebeutelt wurde.“ Er verwies auf die deutlich gefallenen Öl- und Gaspreise. Der Ölpreis für die Nordseesorte Brent lag am Montag bei rund 72 Dollar je Barrel, nachdem er Ende März noch fast 120 Dollar erreicht hatte. VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel erwartet hingegen keine kräftige Erholung in diesem Jahr: „Der schrumpfende Automobilbau belastet viele Zulieferer, besonders der Maschinenbau leidet darunter. Der Iran-Krieg dämpft die positiven Effekte der staatlichen Rüstungs- und Infrastrukturausgaben.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Naher Osten bleibt entscheidend

Die weitere Entwicklung der Industrie hängt stark von der Lage im Nahen Osten ab. Die Hoffnung auf eine nachhaltige Lösung im Iran-Krieg hatte die Ölpreise zuletzt gedrückt, was die Industrie entlastet. Zudem sinkt bei fallenden Ölpreisen die Wahrscheinlichkeit weiterer Leitzinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Die EZB hatte im Juni den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Steigende Zinsen verteuern Kredite und belasten Investitionen und Nachfrage. Allerdings bleibt die Lage im Nahen Osten unsicher; eine erneute Verschärfung könnte die Ölpreise wieder nach oben treiben. Auch das Wirtschaftsministerium betont die hohe Unsicherheit bis zu einem endgültigen Friedensabkommen.

Strukturelle Probleme bleiben

Ökonomen weisen auf strukturelle Faktoren hin, die eine Erholung erschweren. Jens-Oliver Niklasch, Volkswirt bei der Landesbank Baden-Württemberg, kommentierte: „Die Kosten sind zu hoch, das Regulierungsdickicht ist üppig und der Fachkräftemangel eine reale Herausforderung. Die Frage ist, ob die jüngsten Reformvereinbarungen der Bundesregierung den Knoten platzen lassen.“ Nach seiner Einschätzung stimme aber die Richtung. Commerzbank-Ökonom Wagner sieht keine starke Erholung aufgrund der „Erosion der Standortqualität“ in Deutschland. Auch das Reformpaket der Koalition aus CDU, CSU und SPD, das Steuerentlastungen, eine Rentenreform, eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung und Bürokratieabbau umfasst, dürfte keinen Durchbruch in der Breite darstellen.

Frühindikatoren verbessern sich

Der vom Institut Sentix erhobene Konjunkturindikator für die Eurozone erholte sich im Juli den dritten Monat in Folge und stärker als erwartet. „Rückenwind liefert die deutliche Aufhellung der deutschen Konjunktur. Die neuesten politischen Maßnahmen scheinen bei den Anlegern Eindruck zu machen“, hieß es. Auch das Ifo-Geschäftsklima hatte sich im Juni verbessert, gestützt auf die Entspannung im Nahen Osten. Dennoch erwarten die Finanzmärkte nur ein schwaches Wirtschaftswachstum. Die Commerzbank prognostiziert für 2026 ein BIP-Wachstum von 0,6 Prozent, die Deutsche Bundesbank sogar nur 0,5 Prozent. Weitere Aufschlüsse erhoffen sich Ökonomen von den Produktionsdaten für Mai, die am Dienstag veröffentlicht werden und im Schnitt einen leichten Anstieg erwarten lassen.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration