Die deutsche Wirtschaft ist trotz aller Krisen zu Jahresbeginn deutlicher gewachsen als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im ersten Quartal zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Daten mitteilte. Zwar handelt es sich nur um ein Miniwachstum, aber nicht zuletzt wegen des Irankriegs waren die Erwartungen deutlich pessimistischer. Ökonomen zeigen sich positiv überrascht, warnen jedoch vor weiteren Schäden in der Zukunft.
Positive Überraschung trotz Krisen
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING Bank, äußerte sich erfreut: „Fast genau ein Jahr nach dem Amtsantritt der neuen deutschen Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz deuten die heutigen Zahlen darauf hin, dass es der deutschen Wirtschaft besser geht, als ihr Ruf vermuten lässt.“ Er betonte jedoch, dass es riskant wäre anzunehmen, dass sich die derzeitige Entwicklung einfach fortsetzen lasse. Die Anzeichen einer Erholung aufgrund fiskalischer Impulse in den Bereichen Verteidigung und Infrastruktur würden bereits jetzt beginnen zu verblassen.
Abhängigkeit vom Nahostkonflikt
Nils Jannsen, Leiter Konjunktur Deutschland am Kiel Institut, wies darauf hin, dass die konjunkturellen Aussichten derzeit maßgeblich vom weiteren Verlauf des Nahostkonflikts abhängen. Durch den Anstieg der Rohstoffpreise werde auch die Kaufkraft beeinträchtigt. Dies werde sich Jannsen zufolge „wohl besonders beim privaten Konsum bemerkbar machen, der im vergangenen Jahr noch deutlich zugelegt hatte.“ Bei anhaltend hohen Rohstoffpreisen könnten die Belastungen überproportional zunehmen, da Unternehmen und private Haushalte ihnen schwerer ausweichen können als bei kurzfristigen Preisschwankungen. „Die negativen Effekte würden sich dann erst nach und nach voll entfalten und die wirtschaftliche Dynamik auch im kommenden Jahr noch dämpfen“, so Jannsen.
Gründe für das robuste BIP
Christoph Swonke, Konjunkturanalyst der DZ Bank, erklärte: „Die Gründe für das robuste BIP sind private und staatliche Konsumausgaben.“ Die aktuelle Entwicklung sei zwar erfreulich, aber wohl nicht von langer Dauer. „Die Krise an der Straße von Hormus hat zu einer steigenden Inflation und einem deutlichen Rückgang wichtiger Stimmungsindikatoren wie dem Ifo-Geschäftsklima geführt.“ Swonke zufolge könne ein noch größerer Schaden nur durch eine „Beendigung der Kampfhandlungen und eine baldige Öffnung der Straße von Hormus“ abgewandt werden.
Ausblick auf das zweite Quartal
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, zeigte sich mit der Entwicklung zufrieden: „Alles in allem ist das Winterhalbjahr ganz gut gelaufen“, sagte er. Man müsse jedoch beachten, dass sich die Statistiker bei der Abschätzung des Bruttoinlandsprodukts kaum auf Konjunkturindikatoren für den ersten Kriegsmonat, den März, stützen konnten. Der Irankrieg und der Ölpreisschock hätten die Lage völlig geändert. Sowohl das Ifo-Geschäftsklima als auch der kombinierte Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor sind laut Krämer zwei Monate in Folge stark gefallen. „Das zeigt unmissverständlich, wie sehr der Energiepreisschock die deutsche Wirtschaft trifft. Das Bruttoinlandsprodukt könnte im zweiten Quartal fallen.“
Die deutsche Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Während das erste Quartal mit einem leichten Wachstum überraschte, drohen die anhaltenden geopolitischen Spannungen und steigenden Rohstoffpreise die Erholung zu gefährden. Ökonomen bleiben vorsichtig und fordern eine schnelle Lösung des Konflikts, um weitere wirtschaftliche Schäden zu vermeiden.



