Die deutsche Wirtschaft hat zu Jahresbeginn trotz der anhaltenden Krisen ein überraschend deutliches Wachstum verzeichnet. Wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Daten mitteilte, stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent. Dieses Mini-Wachstum fiel stärker aus als von vielen Ökonomen erwartet, die aufgrund des Iran-Kriegs pessimistischere Prognosen abgegeben hatten.
Private und staatliche Konsumausgaben gestiegen
Laut den Wiesbadener Statistikern lagen sowohl die privaten als auch die staatlichen Konsumausgaben in den ersten drei Monaten des Jahres höher als im Schlussquartal 2025, als die Wirtschaft nach revidierten Zahlen nur um 0,2 Prozent zugelegt hatte. Auch die Exporte verzeichneten im ersten Quartal einen Anstieg. Dennoch bleiben die Aussichten getrübt.
Sebastian Wanke, Konjunkturexperte bei der Förderbank KfW, kommentierte: „Das war ein überraschend guter Jahresauftakt, zumal auch schon das erste Quartal von den Grönland-Wirren und dem Iran-Krieg belastet war. Die Daten zeigen, dass es für die deutsche Konjunktur ein starkes Jahr hätte werden können. Bleibt die Hoffnung auf eine baldige Öffnung der Straße von Hormus, sodass die Wachstumskräfte wieder atmen können.“
Iran-Krieg bremst den Aufschwung
Der Iran-Krieg, der am 28. Februar begann und noch immer andauert, hinterlässt tiefe Spuren in der deutschen Wirtschaft. Steigende Öl- und Spritpreise, Probleme in den Lieferketten und unsichere Exportmärkte belasten die rohstoffabhängige Wirtschaft. Volkswirte gehen davon aus, dass Deutschland länger unter den Folgen des Konflikts im Nahen Osten leiden wird. Höhere Energiepreise, insbesondere an den Tankstellen, dämpfen den Konsum und die Investitionsbereitschaft von Verbrauchern und Unternehmen.
Die Kauflaune der Menschen ist auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren gefallen, und das Ifo-Geschäftsklima sank im April deutlich. Ifo-Präsident Clemens Fuest erklärte: „Die Hoffnungen auf einen Aufschwung sind vorerst dahin.“
Milliarden-Paket als Hoffnungsträger
Viele Ökonomen haben ihre Konjunkturprognosen für das laufende Jahr gesenkt. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für 2026 nur ein BIP-Wachstum von 0,6 Prozent, während die Bundesregierung mit 0,5 Prozent noch pessimistischer ist. Für 2027 wird ein Plus von 0,9 Prozent prognostiziert. Vor dem Iran-Krieg hatten Experten mit einem Wachstum von rund einem Prozent gerechnet.
Nun setzen Hoffnungen auf die schuldenfinanzierte Infrastrukturoffensive und zusätzliche Arbeitstage im Jahr 2026, da Feiertage auf Wochenenden fallen. Das vom alten Bundestag beschlossene 500-Milliarden-Euro-Paket für Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung könnte die Konjunktur ab 2027 deutlich ankurbeln. Der Staat plant Milliardeninvestitionen in Straßen, Schienen und Verteidigung.
Industrie verlagert ins Ausland
Im vergangenen Jahr war Deutschland mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent knapp an einer dritten Rezession in Folge vorbeigeschrammt. Die anfängliche Zuversicht ist jedoch der Ernüchterung gewichen. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ergab, dass 43 Prozent der 964 befragten Firmen aus Industrie, Dienstleistung und Bau schlechtere Geschäfte als vor einem Jahr meldeten. Vier von zehn Unternehmen planen, ihre Investitionen zu reduzieren, und mehr als ein Drittel der Industrieunternehmen will Personal abbauen.
Immer häufiger investiert die deutsche Industrie im Ausland. Laut einer DIHK-Umfrage planen 43 Prozent der 1.700 befragten Unternehmen Investitionen außerhalb Deutschlands, oft um Kosten zu sparen. DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier warnte: „Die Betriebe verlieren das Vertrauen in die Standortbedingungen hierzulande.“
Reformstau als Bremsklotz
Die Bundesregierung müsse grundlegende Reformen vorantreiben, statt nur Notfallpakete zu schnüren, mahnte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Sie betonte die Notwendigkeit, strukturelle Probleme wie das Rentensystem, die Unternehmensteuern und die Einkommensteuern zu lösen, um die konjunkturelle Schwäche Deutschlands zu überwinden.



