DIW-Präsident Fratzscher warnt: Deutschlands Wachstumsmotor springt nie wieder an
Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher (55), hat der Hoffnung auf ein neues deutsches Wirtschaftswunder eine klare Absage erteilt. Im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) warnt der renommierte Ökonom vor einer Entwicklung, die das Land langfristig ausbremsen wird. „Der Wachstumsmotor in Deutschland wird schon allein wegen der Demografie nie mehr anspringen“, erklärt Fratzscher mit deutlichen Worten.
Demografischer Wandel als strukturelles Problem
Fratzscher begründet seine düstere Prognose mit einem grundlegenden demografischen Problem: „Uns fehlen schlicht die Arbeitskräfte, um die Wachstumsraten der Vergangenheit zu erreichen.“ Die deutsche Gesellschaft altert kontinuierlich, immer weniger Menschen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, während gleichzeitig die Zahl der Ruheständler steigt. Für den DIW-Chef handelt es sich hierbei um ein strukturelles Problem von langfristiger Bedeutung, nicht um einen kurzfristigen konjunkturellen Dämpfer.
Folgen für Staatsfinanzen und notwendige Reformen
Die wirtschaftlichen Konsequenzen treffen auch die Staatskasse mit voller Wucht. Finanzminister Lars Klingbeil (47, SPD) muss zwischen 2027 und 2029 mehr als 130 Milliarden Euro im Haushalt ausgleichen. Fratzscher hält die Hoffnung, dass eine stärkere Konjunktur dieses Defizit ausgleichen könnte, für völlig vergebens. „Wir kommen also an Steuererhöhungen und dem Abbau von Subventionen nicht vorbei“, prophezeit der Wirtschaftsexperte.
Der DIW-Präsident setzt dabei nicht nur auf eine höhere Mehrwertsteuer, sondern fordert konkret: „Alle klimaschädlichen Steuersubventionen, also etwa das Diesel-Privileg, die Steuerbefreiung von Kerosin oder die Pendlerpauschale, müssen abgeschafft oder zumindest gekürzt werden.“ Diese Posten summieren sich auf beeindruckende 60 Milliarden Euro pro Jahr. Fratzscher kommentiert dies mit klaren Worten: „Es ist doch völlig unsinnig, dass es sich lohnt, möglichst weit weg vom Arbeitsplatz zu wohnen.“
Kritik an Minijobs und trübe Unternehmensstimmung
Scharfe Kritik übt der Ökonom zudem am System der Minijobs. „Minijobs sind eine Riesenhürde auf dem Weg hin zu mehr Beschäftigung und damit zu mehr Wachstum“, analysiert Fratzscher. Seine Forderung ist eindeutig: „Man sollte die Minijobs abschaffen. Allenfalls eine Begrenzung auf Studierende und Rentner wäre sinnvoll.“
Nicht nur der DIW-Chef sieht schwarz für die deutsche Wirtschaft. Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) zeichnet in ihrer aktuellen Unternehmensumfrage ein trübes Bild. Laut der Umfrage wird Deutschlands Wirtschaft auch in diesem Jahr nicht durchstarten. „Geopolitische Unsicherheiten, hohe Standortkosten und eine schwache Inlandsnachfrage liegen wie Blei auf der Wirtschaft“, erklärte die DIHK am Dienstag.
Rund 26.000 Unternehmen beteiligten sich an der repräsentativen Umfrage. Nur ein Viertel der befragten Betriebe bewertet die eigene Geschäftslage zu Jahresbeginn als gut. DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov (44) kritisiert deutlich: „Die Bundesregierung hat Reform- und Entlastungspakete angekündigt, aber in den Betrieben ist davon bislang wenig spürbar.“ Die wirtschaftliche Stimmung bleibt damit weiterhin gedämpft, während die strukturellen Probleme zunehmen.



