Das Handelsblatt Research Institute (HRI) sieht trotz der jüngsten geopolitischen Entspannung zwischen den USA und Iran keine baldige wirtschaftliche Trendwende. Die Absichtserklärung zur Pause des Konflikts und zur Wiederöffnung der Straße von Hormus sei lediglich ein erster Schritt, der allein noch keinen Aufschwung bringe. Die Kriegsfolgen würden die Weltkonjunktur noch lange belasten, und Deutschland habe darüber hinaus eigene, tiefgreifende Wachstumsprobleme.
Straße von Hormus: Entspannung, aber keine Entwarnung
Vergangene Woche unterzeichneten die USA und Iran eine Absichtserklärung, die eine 60-tägige Verhandlungsphase vorsieht, in der der Krieg pausieren und die wichtige Schifffahrtsroute wieder passierbar gemacht werden soll. Sollte der Plan halten, könnten sich die Staus von Öltankern und Containerschiffen allmählich auflösen, und die Weltmarktpreise für Öl, Gas und Dünger könnten sich wieder dem Vorkriegsniveau annähern. Dennoch bleiben massive Schäden an der Öl-Infrastruktur, ein enormer Verbrauch an Kriegsmaterial und die latente Sorge vor einer erneuten Eskalation. Die Unsicherheit bleibt hoch.
Die Weltwirtschaft werde daher nicht nur im laufenden Jahr schwächer wachsen, als es ohne den Krieg der Fall gewesen wäre. Selbst fallende Ölpreise werden nicht verhindern, dass es zeitversetzt zu Preisüberwälzungen entlang der Lieferketten kommt. Die Inflation bleibt zunächst hoch und könnte sogar noch steigen, sodass die Notenbanken mit Zinserhöhungen reagieren werden. Die Finanzmärkte erwarten im September eine zweite Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB). Der wirtschaftliche Schaden ist bereits entstanden.
Deutschland: Strukturelle Probleme überlagern Konjunktur
In Deutschland sind die Folgen des Konflikts deutlich sichtbar. Steigende Energiepreise vernichten Kaufkraft und dämpfen den privaten Konsum. Der zweimonatige „Tankrabatt“ verschlang rund 1,6 Milliarden Euro, die nun für andere Zwecke fehlen. Zudem verteuern Preissteigerungen bei Baumaterial und gestiegene Zinsen Investitionen, sowohl private als auch öffentliche. Die Finanzagentur des Bundes kalkuliert für das laufende Jahr mit einer Bruttokreditaufnahme von 450 Milliarden Euro. Ein Prozentpunkt zusätzliche Zinsen auf Neuemissionen würde jährlich 4,5 Milliarden Euro kosten.
Selbst ein dauerhaftes Ende des Konflikts würde die eigentlichen Wachstumsprobleme Deutschlands nicht lösen. Die Kosten für den Sozialstaat laufen aus dem Ruder, vor allem wegen der alternden Bevölkerung und einer Wirtschaft, die bereits das sechste Jahr faktisch stagniert. Berechnungen der Bundesbank zeigen, dass der Altersstruktureffekt in den vergangenen zehn Jahren rechnerisch das Wirtschaftswachstum um rund 0,4 Prozentpunkte pro Jahr verringert hat. In den kommenden Jahren dürfte dieser negative Effekt auf rund 0,6 Punkte pro Jahr steigen. Der fiskalische Schub durch das Infrastrukturprogramm und der Gegenwind durch die Alterung heben sich weitgehend auf.
Industrie in der Krise und Handelsabkommen belasten
Die deutsche Industrie steckt in ihrer schwersten Krise der Nachkriegsgeschichte. Viele Unternehmen in Schlüsselindustrien wie Maschinenbau, Auto- und Chemieindustrie haben auf den Weltmärkten an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Sie reagieren mit großen Sparprogrammen, und Investitionen fließen vermehrt in dynamischere Märkte außerhalb Deutschlands. Erschwert wird die Situation durch das neue Handelsabkommen zwischen den USA und der EU. Es sieht vor, dass Einfuhrzölle für US-Produkte entfallen, während die USA 15 Prozent auf die meisten EU-Produkte erheben können, was Produktionsstätten in den USA begünstigt. Modellrechnungen des IW Köln zufolge kostet dieser Deal die deutsche Volkswirtschaft jährlich rund 0,4 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum – etwa 16 Milliarden Euro.
In den derzeit verfügbaren harten Daten zur Konjunkturentwicklung schlagen sich weder die Folgen des USA-Iran-Deals noch des Handelsabkommens nieder. Für die Industrie liegen erst April-Daten vor. Die Auftragseingänge gingen im April nach einem vorangegangenen kräftigen Anstieg zurück, die Industrieproduktion bewegte sich seitwärts. Im weniger volatilen Dreimonatsvergleich weisen sowohl Auftragseingänge als auch Industrieproduktion nach unten. Der bei der Bundesbank berechnete wöchentliche Aktivitätsindex (WAI) rutschte zuletzt deutlicher ins Minus und signalisiert eine schwache Wirtschaftsentwicklung im zweiten Quartal. Für die 24. Kalenderwoche bis zum 14. Juni notiert er bei -0,44, was einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung nahelegt.
Arbeitsmarkt: Sorgen vor Jobverlusten wachsen
Der Arbeitsmarkt entwickelt sich im Frühjahr weiter schwach. Die Zahl der Arbeitslosen ging im Mai saisonbereinigt zwar leicht zurück, die Erwerbstätigkeit nahm im April jedoch weiter ab. Trotz eines leichten Plus im März war die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Trend rückläufig. Laut Ifo-Beschäftigungsbarometer wollen mehr Unternehmen Stellen abbauen als aufbauen. Die Sorge vor Arbeitsplatzverlust breitet sich auf immer weitere Teile der Beschäftigten in der Privatwirtschaft aus.
Alle Hoffnungen auf einen Aufschwung basieren auf geopolitischer Entspannung und staatlichen Investitionsprogrammen. Beides kann die Lage stabilisieren, aber kein dauerhaftes Wachstum erzeugen. Im Gegensatz zu anderen Instituten rechnet das HRI auch für die zweite Jahreshälfte nicht mit einer Trendwende. Nach dem starken Jahresauftakt dürfte die Wirtschaftsleistung im weiteren Jahresverlauf leicht schrumpfen.



