Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schlägt Alarm: Wegen des extremen Niedrigwassers im Rhein droht der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr ein Nullwachstum. Die anhaltende Trockenheit hat die Flusspegel auf historische Tiefststände sinken lassen, wodurch die Binnenschifffahrt massiv beeinträchtigt wird. IW-Experte Thilo Schäfer erklärte gegenüber der „Bild“-Zeitung, dass das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 0,4 Prozentpunkte niedriger ausfallen könnte als bislang erwartet. „Ein längerer Ausfall der Schiffbarkeit auf dem Rhein könnte das ganz klitzekleine Pflänzchen Wachstum, das wir haben, komplett ersticken“, so Schäfer.
Lieferengpässe und Produktionsdrosselung
Die Ursache liegt auf der Hand: Deutlich weniger Waren können transportiert werden, was in zahlreichen Branchen zu Produktionsdrosselungen führt. „Für die Wirtschaft bedeutet das echte Lieferengpässe, denn die Schiffe können schon seit einiger Zeit nur noch mit geringerer Beladung den Rhein runterfahren“, betont Schäfer. Besonders betroffen sind die Chemieindustrie, die Stahlproduktion und Raffinerien, die auf Massenguttransporte angewiesen sind. In Köln ist die Schifffahrt aktuell sogar vollständig zum Erliegen gekommen, wie das IW berichtet.
Vergleich mit der Niedrigwasserkrise 2018
Das IW verweist auf das Jahr 2018, als eine ähnliche Niedrigwasserlage das Wirtschaftswachstum ebenfalls um etwa 0,4 Prozentpunkte gedrückt hatte. Die damaligen Erfahrungen zeigen, wie verwundbar die deutsche Industrie gegenüber extremen Wetterereignissen ist. Schon jetzt steigen die Transportkosten erheblich, da Schiffe nur noch einen Bruchteil ihrer Kapazität laden können. Die niedrigen Pegelstände haben am Wochenende in Köln, Bonn und weiteren Orten neue Tiefststände erreicht, was die Situation weiter verschärft.
Tourismus und Fahrgastschifffahrt ebenfalls betroffen
Neben der Frachtschifffahrt leidet auch der Tourismus unter den außergewöhnlich niedrigen Wasserständen. Fahrgastschiffe können vielerorts nicht mehr fahren, was für die Flusskreuzfahrtbranche und die lokale Tourismuswirtschaft erhebliche Einbußen bedeutet. Die anhaltende Hitze und Trockenheit setzen der gesamten Region zu, und die Aussichten auf Besserung sind vorerst nicht in Sicht.
Bundesverkehrsminister beruft Fachkonferenz ein
Angesichts der dramatischen Lage hat Bundesverkehrsminister Steffen Bilger für Donnerstag eine Fachkonferenz in Bonn einberufen. „Wir gucken uns an, was wir da aktuell machen können“, sagte am Montag ein Sprecher des Verkehrsministeriums in Berlin. „Wir werden sehen, was an weiteren Vorschlägen kommt.“ Wer an der Konferenz teilnehmen soll, ist noch unklar. Das Ministerium hatte bereits zuvor einen Aktionsplan Niedrigwasser Rhein aufgestellt, die Engpassbeseitigung am Mittelrhein vorangetrieben und mit 10,5 Millionen Euro den Umbau von drei Frachtschiffen in Niedrigwasser-optimierte Schiffe gefördert.
Keine Engpässe bei der Energieversorgung
Entwarnung gibt es derweil bei der Energieversorgung: Laut Bundeswirtschaftsministerium gibt es keine Versorgungsengpässe bei Kohlekraftwerken, auch Gaskraftwerke seien nicht betroffen. Der Energiebedarf sei im Sommer ohnehin niedrig, erklärte ein Sprecher. Dennoch bleibt die Lage angespannt, denn ein länger anhaltendes Niedrigwasser könnte auch die Energieproduktion beeinträchtigen.
Der Sprecher des Verkehrsministeriums betonte, dass Hitze und Trockenheit Naturereignisse seien, gegen die man nur begrenzt vorgehen könne: „Wenn kein Wasser mehr da ist, sind wir alle mit dem Latein am Ende.“ Diese Aussage unterstreicht die Hilflosigkeit angesichts der Naturgewalten, die der Wirtschaft in diesem Jahr schwer zu schaffen machen.



