Die deutsche Wirtschaft hat zu Jahresbeginn trotz aller Krisen ein überraschend deutliches Wachstum verzeichnet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im ersten Quartal im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Daten mitteilte. Auch wenn es sich nur um ein Mini-Wachstum handelt, waren die Erwartungen aufgrund des Iran-Kriegs und anderer Belastungen deutlich pessimistischer.
Private und staatliche Konsumausgaben steigen
Laut den Statistikern lagen sowohl die privaten als auch die staatlichen Konsumausgaben in den ersten drei Monaten höher als im Schlussquartal 2025, als die deutsche Wirtschaft nach neuesten Berechnungen nur um 0,2 Prozent zugelegt hatte. Gestiegene Löhne bescheren vielen Verbrauchern mehr finanzielle Spielräume, während staatliche Investitionen in Verteidigung und Rüstung die Wirtschaft zusätzlich stützen. Auch die Exporte verzeichneten im ersten Quartal einen Anstieg.
Iran-Krieg trübt Aussichten
Der am 28. Februar ausgebrochene Iran-Krieg, der noch immer andauert, dürfte den erhofften spürbaren Aufschwung jedoch ausbremsen. Steigende Öl- und Spritpreise, Probleme in den Lieferketten und unsichere Exportmärkte belasten die rohstoffabhängige deutsche Wirtschaft erheblich. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer warnt: „Die heutigen Zahlen könnten die Ruhe vor dem Sturm sein.“ Je länger die für den globalen Öl- und Gashandel wichtige Straße von Hormus gesperrt bleibe, desto größer werde das Risiko einer schrumpfenden Wirtschaft. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) prognostiziert, dass die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal sinken dürfte, falls die Rohstoffpreise nicht schnell nachgeben.
Kauflaune und Unternehmensstimmung verschlechtern sich
Volkswirte gehen davon aus, dass Deutschland länger unter den Folgen des Nahostkonflikts leiden wird. Höhere Energiepreise, insbesondere an den Tankstellen, belasten Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen und dämpfen Konsum und Investitionen. Die Kauflaune der Menschen ist auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren gefallen, und die Stimmung in den Unternehmen hat sich laut Ifo-Geschäftsklima im April deutlich eingetrübt. Viele Verbraucher halten sich in unsicheren Zeiten mit größeren Anschaffungen zurück.
Staatliche Milliarden als Konjunkturmotor?
Ökonomen haben ihre Prognosen reihenweise gesenkt. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für 2026 nur noch mit einem BIP-Wachstum von 0,6 Prozent, die Bundesregierung sogar nur mit 0,5 Prozent. Für 2027 wird ein Plus von 0,9 Prozent erwartet. Vor dem Iran-Krieg hatten viele Experten noch mit einem Wachstum von rund einem Prozent in diesem Jahr gerechnet. Der gute Jahresstart verbessert die Ausgangslage immerhin etwas. Ökonom Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank LBBW mahnt jedoch: Die Botschaft an die Politik dürfe kein „Weiter so!“ sein, sondern es sei Zeit für Reformen.
Bislang versprechen vor allem die schuldenfinanzierte Infrastrukturoffensive und mehr Arbeitstage durch auf Wochenenden fallende Feiertage Wachstum. Die Hoffnung ruht auf dem vom alten Bundestag beschlossenen 500-Milliarden-Euro-Schuldenpaket für Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung, das spätestens 2027 die Konjunktur deutlich anschieben soll.
Industrie wandert ab – Reformstau bremst
2025 war Deutschland mit einem Mini-Plus von 0,2 Prozent knapp am dritten Rezessionsjahr in Folge vorbeigeschrammt. Doch die Zuversicht zu Jahresbeginn ist der Ernüchterung gewichen. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im März ergab, dass 43 Prozent der befragten 964 Firmen aus Industrie, Dienstleistung und Bau über schlechtere Geschäfte berichten. Immer häufiger investiert die deutsche Industrie im Ausland: Laut einer DIHK-Umfrage planen 43 Prozent der 1.700 befragten Unternehmen Investitionen außerhalb Deutschlands, oft um Kosten zu sparen.
Die Bundesregierung müsse grundlegende Reformen voranbringen, statt Notfallpakete zu schnüren, mahnt die „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm. Es sei dringend nötig, dass Deutschland seine strukturellen Probleme löse – etwa im Rentensystem, bei den Unternehmensteuern und der Einkommensteuer.



