Der Bitcoin-Kurs ist auf den niedrigsten Stand seit November 2024 gefallen und hat seit Jahresbeginn rund 24 Prozent verloren. Dennoch sehen viele Prognosen weiterhin Potenzial. Investmentstratege Dr. Jonas Krettek von der Apobank hingegen äußert sich kritisch. Im Interview erklärt er, warum Bitcoin theoretisch wertlos werden könnte und für wie wahrscheinlich er einen Totalverlust hält.
Bitcoin: Kein fairer Wert bestimmbar
„Da es keinen klaren Maßstab für den Wert von Bitcoin gibt, hängt der Preis von den Erwartungen und der Stimmung am Markt ab“, sagt Krettek. „Bei Bitcoin fehlen Cashflows, also keine laufenden Einnahmen wie Zinsen oder Dividenden. Hinzu kommt, dass hinter Bitcoin kein Unternehmen steht, das Gewinne erwirtschaftet oder reale Güter produziert.“ Deshalb schwanke der Kurs so stark. Für Privatanleger erfüllten Kryptowährungen keine wichtige wirtschaftliche Funktion, die Nachfrage sei rein spekulativ. „Der Preis entsteht ausschließlich durch Angebot und Nachfrage. Niemand kann seriös sagen, ob der faire Wert bei 100.000 Euro oder einem Euro liegt.“
Bitcoin als Zahlungsmittel und Wertspeicher ungeeignet
Befürworter sehen Bitcoin als digitales Zahlungsmittel oder Wertspeicher. Krettek widerspricht: „Geld erfüllt drei Aufgaben: Bezahlen, Wertspeicherung und Preisangabe. Bitcoin erfüllt diese nur eingeschränkt.“ Selbst in El Salvador, wo Bitcoin 2021 als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt wurde, würden nur rund fünf Prozent der Transaktionen damit abgewickelt. „Die hohe Volatilität verhindert, dass Bitcoin zuverlässig als Wertaufbewahrungsmittel funktioniert.“
Kryptowährungen mit Anwendungen: Vorsicht geboten
Auf die Frage nach Kryptowährungen mit konkreten Anwendungen wie Ethereum antwortet Krettek: „Seit 2008 sind Tausende Kryptowährungen entstanden. Wenn Interesse nachlässt, verlieren viele Projekte schnell an Bedeutung.“ Bei Ethereum gebe es zwar interessante Ansätze wie Smart Contracts, die technologisch zukunftsweisend seien. „Trotzdem würde ich aus Sicht der Geldanlage sehr vorsichtig sein. Diese unterliegen ebenfalls starken Kursschwankungen und korrelieren oft stark mit Bitcoin, der als größte Kryptowährung eine Art Zugpferd ist.“
Kann Bitcoin seinen Wert komplett verlieren?
Krettek hält einen Totalverlust für theoretisch möglich: „Bitcoin ist die bekannteste und größte Kryptowährung. Es ist eher unwahrscheinlich, dass er von einem Tag auf den anderen verschwindet. Ein Totalverlust ist theoretisch aber möglich – zum Beispiel, wenn aufgrund eines Vertrauensverlusts niemand mehr Bitcoin nutzen möchte.“
Begrenzung auf 21 Millionen Einheiten kein Schutz
Das begrenzte Angebot von 21 Millionen Einheiten stabilisiere den Wert nicht, so Krettek. „Erstens ist die Begrenzung seit Einführung bekannt und längst in den Kursen berücksichtigt. Zweitens kann sich der Preis bei fixem Angebot durch Nachfrageänderungen bewegen. Lässt das Marktinteresse nach, führt das zu Preisrückgängen.“ Auch Bitcoin-ETFs und institutionelle Anleger änderten nichts am spekulativen Charakter. „Das zeigt lediglich, dass eine Nachfrage existiert.“
Bitcoin für langfristige Ziele ungeeignet
Krettek rät von Kryptowährungen als Anlageform ab: „Bei Anleihen lassen sich künftige Zinszahlungen abzinsen, bei Aktien erwartete Gewinne. Bei Bitcoin fehlt dieser Bewertungsmaßstab. In Verbindung mit starken Kursschwankungen eignet sich das nicht für eine solide, langfristige Geldanlage.“ Wer dennoch investiere, solle nur Geld einsetzen, dessen Verlust er verschmerzen könne. „Für langfristige Ziele wie die Altersvorsorge halte ich Kryptowährungen für ungeeignet.“
Empfehlung: Breit gestreute Aktien und Anleihen
Für den Vermögensaufbau empfiehlt Krettek eine klassische Mischung aus Aktien und Anleihen, breit gestreut über Regionen und Branchen. Ergänzend könne man Immobilien in Betracht ziehen. Gold könne in unsicheren Zeiten als Diversifikator und Wertspeicher dienen. „Allerdings erzeugt Gold ebenfalls keine Cashflows. In unserer Vermögensverwaltung liegt der Goldanteil aktuell bei vier Prozent.“
Bitcoin als digitales Gold? Vergleich hält nicht
Zum Vergleich mit Gold sagt Krettek: „Das Stichwort Hoffnung ist entscheidend. Der Vergleich hält nur bedingt stand: Gold wird seit Jahrtausenden genutzt und hat einen realen Nutzen. Die Werthaltigkeit von Gold ist eine andere als bei Bitcoin. Für eine fundierte Anlagestrategie reicht das nicht.“



