Der Konflikt im Nahen Osten hat weitreichende Folgen, die bis in den Rostocker Hafen spürbar sind. Der globale Düngemittelproduzent Yara, der in Rostock eine Produktionsstätte unterhält, zeigt sich besorgt über die Entwicklung. Steigende Energie- und Rohstoffkosten treiben die Produktionsausgaben für Dünger in die Höhe, was mittelfristig auch die Lebensmittelpreise weltweit beeinflussen dürfte.
Kostenkrise in der Landwirtschaft
„Wir beobachten die Lage sehr genau, die ernst ist und erhebliche humanitäre sowie geopolitische Konsequenzen hat“, erklärt Yara-Sprecherin Mechthild Mohr. Der Standort Rostock bereite dem Unternehmen weniger Sorgen, wohl aber die weltweite Düngemittelversorgung und die Landwirte, auch in Mecklenburg-Vorpommern. Düngemittel seien für etwa die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion verantwortlich. Die Preise steigen derzeit rasant: „Stickstoffdünger kostet aktuell knapp 500 Euro pro Tonne, im Januar waren es noch rund 200 Euro“, berichtet der mecklenburgische Landwirt Jens Lötter.
Er spricht von einer „Kostenkrise“ in der heimischen Landwirtschaft, die durch die stark gestiegenen Mineraldüngerpreise sowie wiederholt höhere Kosten für Energie, Löhne und Technik angeheizt werde. Die Folgen reichen von Investitionsstopps über reduzierte Düngung bis hin zu Betriebsaufgaben.
Ein Drittel der Harnstoffproduktion betroffen
Yara-Sprecherin Mohr kann keine konkreten Preissteigerungen für die eigenen Produkte nennen, da die Schwankungen zu groß sind. Sie bestätigt jedoch: „Der finanzielle Druck auf die Betriebe ist real.“ Yara stehe in engem Austausch mit Bauernverbänden und EU-Entscheidungsträgern, um praktikable Lösungen zu finden. „Letztlich hängt alles davon ab, wie lange die Situation anhält und wie schnell sich die Lieferketten wieder normalisieren.“ Lieferengpässe gebe es in Europa derzeit nicht.
Durch die aufgrund des Iran-Krieges blockierte Straße von Hormus laufen normalerweise „rund ein Drittel der weltweiten Harnstoffproduktion, fast 30 Prozent des Ammoniaks und mehr als 20 Prozent der Phosphate“, so Mohr. Zudem passieren dort „etwa 20 Prozent des globalen LNG-Handels“. Die Golfregion sei ein zentraler Produzent von Stickstoffdüngern, die unter anderem aus Gas hergestellt werden. Störungen in der Passage hätten direkte Auswirkungen auf die Düngemittelverfügbarkeit, die Transportkosten und die globalen Lebensmittelpreise.
Europa vergleichsweise gut aufgestellt
„In Europa sind wir noch in der guten Lage, rund 75 Prozent des Düngemittelbedarfs aus eigener Produktion zu decken“, erklärt die Sprecherin. Gleichzeitig zeige die Situation, wie herausfordernd das Umfeld für die europäische Industrie geworden sei. Durch die „weltweit höchsten Energiepreise“ seien Unternehmen bereits zuvor unter Druck geraten. „Die jüngsten Entwicklungen verstärken diese strukturellen Schwächen zusätzlich.“ Europa habe viele Maßnahmen ergriffen, um Abhängigkeiten strategisch zu reduzieren, doch es brauche weitere. Europa werde diese Preissteigerungen letztlich verkraften, so Mohr, doch „am stärksten betroffen sind die Landwirte, die höhere Kosten nicht abfedern können.“
Landwirte stoßen an Grenzen
Für Landwirt Lötter ist klar, dass die aktuelle Kostenkrise „erdrutschähnliche Veränderungen“ auch in der heimischen Landwirtschaft nach sich ziehen werde. Er fordert daher mehr Unterstützung durch die Politik, etwa bei der CO2-Bepreisung oder den aus seiner Sicht zu niedrigen Erzeugerpreisen, bei denen aktuell teils „unter Kosten verkauft werden“ müsse. Mohr betont, dass faire Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse die gesamte Lebensmittelkette und -sicherheit langfristig stärken. Sie fordert die Politik auf, die Interessen beider Seiten auf europäischer Ebene und in Deutschland zu bündeln und gezielt Landwirte zu unterstützen: durch Maßnahmen gegen die geringe Profitabilität in der Landwirtschaft sowie zur Sicherung der heimischen, dekarbonisierten und damit unabhängigeren Düngemittelproduktion. „Die globale Ernährung bleibt verletzlich“, so die Sprecherin abschließend.



