Perfekte Furche trotz DDR-Technik: Wer beim Pflügen die Nase vorn hat
Perfekte Furche trotz DDR-Technik: Pflügerwettbewerb in Rastow

Die 340 PS brummen tief und satt, als würde die Maschine selbst wissen, dass es heute um mehr geht als nur um Erde. Hinter ihr ein Lemken Vari Diamant mit sieben Scharen, jedes exakt 45 Zentimeter breit. Ein Werkzeug, das keine Fehler verzeiht. In der Kabine sitzt Nelé Eggert, 21 Jahre alt, Landwirtin und die einzige Frau, die sich an diesem Sonnabend dem Kräftemessen stellt.

Fingerspitzengefühl statt viel PS ist gefragt

Beim Leistungspflügen in Rastow, ausgerichtet am 25. April auf den Flächen der LEG Rastow, geht es nicht um Tempo, sondern um Präzision. Organisiert von den Bauernverbänden Ludwigslust, Parchim und Nordwestmecklenburg – in diesem Jahr federführend Ludwigslust – wird hier sichtbar, was viele nur noch vom Hörensagen kennen: Pflügen ist Handwerk. Und zwar eines, das Fingerspitzengefühl verlangt.

13 Teilnehmer treten in zwei Kategorien gegeneinander an: Beetpflug und Drehpflug. Der Unterschied klingt technisch, ist aber schnell erklärt. Beim Beetpflug wird die Erde immer zu einer Seite geworfen – es entstehen klassische „Beete“, die sich wie Wellen über den Acker ziehen. Der Drehpflug dagegen lässt sich am Feldende wenden, sodass die Erde abwechselnd nach links und rechts fällt. Das sorgt für ein ebenmäßigeres Bild, ist aber kniffliger in der Handhabung. Genau deshalb hat sich Nelé Eggert für diese Variante entschieden. „Angefangen habe ich mit dem Beetpflug, aber das auch nur ein Mal. Ich persönlich finde den Drehpflug anspruchsvoller und hatte mich dann dafür entschieden“, erzählt sie.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Schon als Auszubildende hat sie sich unter die Konkurrenz gemischt, und die ist fast ausschließlich männlich. Nur sie sticht heraus. „Ich wollte schon immer Landwirtin werden. Die großen Maschinen haben mich fasziniert. Den ganzen Tag im Büro sitzen, das wäre nicht meins. Aber auch die Arbeit mit Tieren ist es nicht.“ Nur ein Tier hat es ihr angetan: Zweckdackeldame Lola. Seit zwei Jahren ist sie dabei, Glücksbringerin und ständiger Begleiter. Selbst im Arbeitsalltag, mit festem Platz in der Fahrerkabine.

Die Nacht vor dem Wettbewerb? Kurz. „Ich habe nicht allzu gut geschlafen, war noch vor dem Wecker wach. Mal schauen, was das heute wird“, sagt Nelé und blickt hinaus auf die Parzellen. Jagdhornbläser eröffnen den Tag, es folgen Grußworte vom Landrat und vom Hauptschiedsrichter Thorsten Schönsee. Dann wird es ernst. Aufsitzen. Parzellen anfahren. Warten auf die grüne Flagge.

Unklare Parzelle: Nelé misst nach und fährt weiter

Und dann beginnt die stille Kunst: Fluchtstangen werden ausgerichtet, das Bandmaß gezückt, jeder Zentimeter zählt. Doch bei Nelé läuft es nicht rund. „Irgendwas stimmt mit der Parzelle nicht“, sagt sie und holt sich Rat. Ob ein Messfehler vorliegt oder nicht, bleibt unklar. Sie fährt trotzdem. Bahn um Bahn.

Zur Halbzeit wird deutlich: Heute reicht es nicht für vorne. „Das wird nichts“, sagt sie zwischendurch. Am Ende steht Platz sechs. Kein Grund zur Freude, aber einer, weiterzumachen. Ganz vorne landet an diesem Tag ein anderer: Nico Worm von der Agrargenossenschaft Köchelstorf holt mit 83 von 100 Punkten nicht nur den Sieg bei den Drehpflügern, sondern wird Gesamtsieger. Platz zwei geht an Johann Hartig von der Norddeutschen Pflanzenzucht von Poel und Platz drei an Tim Eric Growe von der Agrargenossenschaft Köchelstorf.

DDR-Technik schafft es an die Spitze mit 81 Punkten

In der Kategorie Beetpflug zeigt sich früh, wer das ruhigste Händchen hat. Paul Roggentin vertraut auf bewährte Technik. Er hat einen Fortschritt ZT 303 und einen Fortschritt B 201 Pflug. Seine Mission: zeigen, dass auch DDR-Technik perfekte Furchen ziehen kann. Und das gelingt eindrucksvoll. Mit 81 Punkten setzt er sich an die Spitze.

Für kurze Irritation sorgt ein ungepflügtes Reststück. Zuschauer vermuten einen Abbruch. Doch Nicole Gottschal vom Bauernverband Ludwigslust stellt klar: „Der Teilnehmer hat alles richtig gemacht. Es kann ja auch sein, dass er sich nicht vermessen hat, sondern dass das beim Auszeichnen der Parzellen passiert ist.“ Platz zwei bei den Beetpflügern geht an André Roller, Platz drei an Pascal Vehlow. Bei den Azubis sichert sich Moritz Matthias mit 73,5 Punkten den Sieg.

Allein 13 Oldtimer gingen in Rastow an den Start, um eine perfekte Furche hinzulegen. Einige Oldie-Besitzer kamen auch nur, um gesehen zu werden und selbst zu schauen.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Am Nachmittag wird es entspannter, zumindest gefühlt. 13 Oldtimerpflüger gehen an den Start. Hier zählt weniger die perfekte Furche als die Leidenschaft für Technik vergangener Jahrzehnte.

Wolfgang Böther, 78 Jahre alt, bringt einen RS03 von 1951 mit, dahinter ein Pflug von 1932. Keine Hydraulik, nur Handarbeit. „Welchen Platz ich hier mache, das ist mir eigentlich egal. Mit anderen plaudern, Traktoren gucken und seinen eigenen zeigen, darum bin ich hier“, sagt er. Am Ende reicht es für Platz drei.

Wettbewerb zeigt Landwirtschaft als präzises Handwerk

Für Landesbauernpräsident Karsten Trunk ist der Wettbewerb mehr als ein Kräftemessen. „Dieser Pflügerwettbewerb ist nicht nur ein Spaßwettbewerb. Es gibt sogar Landes- und Bundeswettbewerbe bis hin zu Meisterschaften“, betont er. Es gehe darum, sichtbar zu machen, dass Landwirtschaft ein Handwerk ist, mit Können, Erfahrung und Präzision.

Und wann hat er selbst zuletzt gepflügt? „Das müsste 1986 gewesen sein.“ Ob es nicht Zeit wäre für ein Comeback, lässt er offen. Vielleicht mit einem Oldtimer. Gelegenheit gäbe es: Am 17. April kommenden Jahres wird das Leistungspflügen bei der Agrargenossenschaft Plate ausgetragen.