Logistikbranche in Rostock am Limit: Spediteure warnen vor Pleitewelle durch Diesel-Schock
Die steigenden Energiepreise setzen der Logistikbranche massiv zu und beeinträchtigen den Alltag vieler Menschen. In Rostock und der umliegenden Region berichten Unternehmen, dass sie an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Die aktuellen Tankstellenpreise haben sich für zahlreiche Logistikunternehmen in Mecklenburg-Vorpommern zu einem untragbaren Kostentreiber entwickelt.
Existenzgefährdende Situation für Speditionen
Stephan Gustke, Geschäftsführer von Gustke Logistik aus Rostock, beschreibt die Lage als „sehr schwierig und existenzgefährdend“. „Der deutschen Wirtschaft geht es ohnehin nicht gut, was wir an geringen Transportmengen spürbar merken“, erklärt er. Bundesweit lagen die Tagesdurchschnittspreise laut ADAC am Dienstagmorgen, dem 10. März, bei 2,095 Euro pro Liter Super E10 und 2,237 Euro pro Liter Diesel.
„Für uns Spediteure ist das eine absolute Katastrophe“, betonen viele befragte Unternehmer aus Rostock einhellig. Besonders problematisch sei, dass „ein Teil der Mehrkosten schwer bis gar nicht weitergegeben werden kann“, so Gustke. Er rechnet bei anhaltend hohen Spritpreisen allein für den März mit zusätzlichen Kosten von 100.000 Euro für sein Unternehmen.
Dramatische Preisentwicklung bei Diesel
Ende Februar kostete die 1000-Liter-Füllung für einen Lkw noch 1600 Euro, aktuell liegt der Preis bei 2120 Euro. Das bedeutet 520 Euro Mehrkosten pro Fahrzeug – und das nur für eine einzige Tankfüllung, wie ein Spediteur aus dem Rostocker Umland berichtet. Selbst wenn Unternehmen monatlich neu berechnete Tankpauschalen anlegen würden: „Aktuell ist es für einige Unternehmen günstiger, alles stillstehen zu lassen, als zu fahren.“
Nach Einschätzung des ADAC haben Einschränkungen des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus im Nahen Osten dazu geführt, dass die Mineralölpreise in die Höhe schnellten. Dies geschieht, obwohl die Versorgung Europas physisch kaum betroffen ist. Die Bundesregierung prüft derzeit kartellrechtliche Schritte.
Warnung vor Kettenreaktion in der Wirtschaft
„Die Menschen gucken nur auf die Tankstellenpreise und denken: ‚Ach, ich muss jetzt 30 Euro mehr fürs Tanken ausgeben.‘ Aber sie sehen nicht, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist“, warnt René Wodrich von Cargo Lion Rostock. Alles werde zwangsläufig teurer werden. „Die Kosten fressen uns einfach auf.“
Stephan Gustke weist auf zusätzliche Wettbewerbsnachteile hin: Osteuropäische Unternehmen könnten oft günstiger fahren. „Beispiel Polen“, sagt er, „Hier liegt der Mindestlohn bei 7,45 Euro die Stunde; in Bulgarien bei 3,58 Euro.“ Auch der Dieselpreis sei in Polen etwa 65 Cent günstiger. „Wie kann das sein?“, fragt er kritisch.
Forderungen nach politischen Entlastungen
Thomas Winter vom Rostocker Transportunternehmen „Go! Express“, das sich auf Pakettransport spezialisiert hat, spürt die Belastung ebenfalls – allerdings „noch nicht existenzbedrohend“, wie er betont. „Das liegt daran, dass wir Transporter haben, keine Lkws, die tagelang fahren und Tausende Liter Diesel schlucken.“ Er wünscht sich schnelle Reaktionen, um die Unternehmen zu entlasten, beispielsweise durch eine befristete Aussetzung des nationalen CO₂-Preises.
Dieser Vorschlag wird auch von den Präsidenten der Industrie- und Handelskammern unterstützt. Klaus-Jürgen Strupp von der IHK zu Rostock und Matthias Belke von der IHK zu Schwerin plädieren in einer gemeinsamen Presseerklärung für:
- Eine temporäre Senkung der Mineralölsteuer auf Benzin und Diesel
- Schnelle Entlastungen für Unternehmen, bevor sich gestiegene Transportkosten in den Wertschöpfungsketten niederschlagen
- Steuerliche Entlastungen angesichts hoher Spritkosten
Logistik als Frühindikator für wirtschaftliche Trends
„Diese Entwicklung ist dauerhaft für uns nicht tragbar“, sagt Julia Bordunov, Pressereferentin von Go! Express & Logistics Deutschland. „Eine leistungsfähige Logistik ist ein wesentlicher Faktor für stabile Lieferketten und eine verlässliche Versorgung von Wirtschaft und Gesellschaft.“
Die Logistikbranche gilt oft als Frühindikator für wirtschaftliche Trends. Ein Spediteur aus dem Rostocker Umland berichtet: „Im Februar haben Unternehmen mit Blick auf die Konjunkturquote mit 1,5 bis 1,9 Prozent noch aufgeatmet. Jetzt stehen wir wieder da und können eigentlich nur hoffen, dass es uns nicht als Nächstes erwischt.“
Nach all den Jahren der Krise sei dies „jetzt nur wieder die nächste Schlinge um den Hals, und die Nachfrage wird einfach abgewürgt“, so der Unternehmer. Auf staatliche Unterstützung – ob Preisdeckelung wie in Südkorea oder Mehrwertsteuerabsenkung – warte die Branche bislang vergeblich. Ohne diese Maßnahmen, warnen viele der befragten Spediteure, werde es „am Ende eine enorme Pleitewelle geben“.



