Wall Street: US-Indizes starten in Rekordnähe – Geopolitik bleibt Nebensache
Wall Street: US-Indizes in Rekordnähe

Anleger in den USA lassen sich von geopolitischen Spannungen nicht beeindrucken. Die großen US-Indizes starten unverändert, aber in unmittelbarer Rekordnähe in den Handel. Dabei sind es nicht nur Hoffnungen auf eine Lösung im Irankonflikt, die die Wall Street antreiben.

Dow Jones und S&P 500 auf Rekordkurs

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte eröffnete 0,2 Prozent höher bei 51.209 Punkten und nähert sich damit seinem Allzeithoch von 51.226 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 notierte unverändert bei 7.590 Punkten, nur 28 Punkte unter seinem Rekord von 7.618 Punkten. Auch der technologielastige Nasdaq blieb stabil bei 26.985 Punkten, weniger als 200 Punkte von seinem Höchststand entfernt.

Längste Gewinnserie seit 75 Jahren

Der S&P 500 verzeichnet bereits seit mehr als neun Wochen in Folge Kursgewinne. Laut LPL Financial legte der Index in diesem Zeitraum um 20 Prozent zu – die längste Serie dieser Art seit 75 Jahren. Besonders Technologiewerte treiben die Rally an. „Aktuell dominieren KI-Befürworter den Markt, da dieses Segment das stärkste Gewinnwachstum und die größte Dynamik aufweist“, erklärte Dan Suzuki, globaler Anlagestratege bei iCapital. „Abgesehen von diesem Sektor ist der Optimismus deutlich uneinheitlicher.“

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Milliardenschwere Börsengänge in Aussicht

In diesem Jahr erwarten Anleger mehrere milliardenschwere Börsengänge, allen voran von KI- und Raumfahrtunternehmen wie SpaceX, OpenAI und Anthropic. Wade O'Brien, Kapitalmarktforscher bei Cambridge Associates, warnt jedoch vor überzogenen Erwartungen: Die drei Unternehmen seien so lange privat geblieben, dass ein Großteil ihres Wertzuwachses bereits vor dem Börsengang stattgefunden habe. Wer als Anleger über die Börse einsteige, komme spät – „mit entsprechend geringeren Renditechancen“, so O'Brien. Frühe Risikokapitalgeber profitierten am stärksten; wer nicht von Anfang an dabei war, gehe weitgehend leer aus. Kleinere Börsengänge könnten zudem zeitweise leiden, weil Investoren ihr Kapital für die Mega-IPOs zurückhielten.

Anthropic weitet umstrittene Anwendung aus

Anthropic kündigte am Dienstag an, seine umstrittene Anwendung „Mythos“ auf weitere 150 Partner in 15 Ländern auszuweiten, wie der US-Fernsehsender CNBC berichtete. Neben der KI-Rally dürfte auch die US-Politik für Impulse sorgen. So ernannte US-Präsident Donald Trump offenbar Bill Pulte zum neuen Direktor des nationalen Geheimdienstes. Tulsi Gabbard, die bisherige Direktorin, hatte ihren Rücktritt zum 30. Juni angekündigt.

Rohölpreise geben nach

Am Rohölmarkt gaben die Preise nach dem Sprung zum Wochenanfang zeitweise um mehr als zwei Prozent nach. Der Libanon verkündete am Montag einen teilweisen Waffenstillstand zwischen der Hisbollah und Israel. Trump zeigte sich gegenüber CNBC gleichgültig, ob die Friedensverhandlungen mit dem Iran weitergingen: „Ehrlich gesagt ist es mir egal, ob sie beendet sind.“ Trotz dieser Aussagen sanken die Rohölpreise. Rohöl der Sorte Brent und US-Leichtöl WTI zur Lieferung im August kosteten rund 94 und rund 91 Dollar je Barrel (159 Liter). Damit pendeln die Preise weiterhin innerhalb der engen Spanne zwischen 90 und 96 Dollar, die bereits die vergangene Woche geprägt hat.

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Preisszenarien zwischen 70 und 200 Dollar

Die Preise hatten am Montag zunächst stark angezogen, nachdem Berichte aufkamen, Teheran habe die Gespräche mit Washington aus Protest gegen israelische Angriffe im Libanon abgebrochen. Trump dämpfte die Aussagen jedoch: In einem Telefoninterview mit ABC News erklärte er, die Verhandlungen liefen weiter – eine Absichtserklärung zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus könnte binnen einer Woche zustande kommen. Noch seien „ein paar weitere Punkte zu klären“. Jochen Stanzl, Chefanalyst der Comdirect Bank, konkretisiert die Bandbreite möglicher Szenarien: Eine rasche Einigung könnte den Ölpreis bis auf 70 Dollar drücken. Verzögert sich die Wiedereröffnung der Straße von Hormus bis August oder Oktober – begleitet von neuen Kampfhandlungen –, seien Preissprünge auf 140 oder sogar 200 Dollar je Barrel nicht auszuschließen. „Je länger die Straße von Hormus faktisch geschlossen bleibt, desto größer wird auch das Risiko struktureller Schäden an der Ölinfrastruktur“, warnte Stanzl – und damit das Risiko dauerhaft höherer Ölpreise, selbst nach einer späteren Beilegung des Konflikts.

Einzelwerte im Fokus

Tech-Papiere: Eine optimistische Prognose für das Geschäft mit Rechenzentren ermunterte Anleger zum Einstieg bei Microchip Technology. Die Aktien des US-Halbleiterherstellers stiegen um sieben Prozent. Eine Äußerung von Nvidia-Chef Jensen Huang bescherte den Aktien des Chipentwicklers Marvell einen Kurssprung von über 20 Prozent. Huang bezeichnete Marvell als das nächste „Billionen-Dollar-Unternehmen“. Sollten sich die Gewinne halten, würde die Marktkapitalisierung um mehr als 47 Milliarden Dollar steigen. Im US-Einzelhandel gab eine angehobene Jahresprognose den Aktien des Dessousherstellers Victoria's Secret Auftrieb: Die Papiere legten um mehr als 45 Prozent zu.