Doppelter Karneval auf St. Martin: Warum die Insel zweimal feiert
Doppelter Karneval auf St. Martin: Zweimal feiern

Doppelter Karneval auf St. Martin: Eine Insel, zwei Feste

Seit Tagen liegt eine vibrierende Erwartung über Philipsburg, dem Hauptort von Sint Maarten. Nun rollen endlich die Festwagen an und bringen den Verkehr zum Stillstand. Auf Parkplätzen, Bürgersteigen und umliegenden Wiesen vollenden Frauen und Männer die letzten Details ihrer aufwendigen Kostüme. Aus Lautsprechern dröhnen karibische Rhythmen in ohrenbetäubender Lautstärke, während dichte Rauchwolken von Barbecue-Stationen aufsteigen und gut bestückte Bars auf den Höhepunkt der Karnevalssession einstimmen.

Zwei Termine, zwei Traditionen

Unter stoischer Missachtung der tropischen Temperaturen setzt sich die Grand Carnival Parade im Süden der Karibikinsel in Bewegung. Über 1.000 Erwachsene in mehr als 30 Gruppen paradieren durch das 2.000-Einwohner-Städtchen, kunstvoll geschminkt und in fantasievolle Kostüme gehüllt. Was wie ein typischer südamerikanischer Straßenkarneval wirkt, ist in Wahrheit eine eigenwillige Auslegung des Festes – geprägt durch die komplexe Geschichte der Insel.

St. Martin ist mit 87 Quadratkilometern die weltweit kleinste Insel mit einer Staatsgrenze. Diese Teilung spiegelt sich im Karneval wider: Die Katholiken im französischen Norden (Saint-Martin) halten sich an den traditionellen Karnevalsrhythmus mit Aschermittwoch als Abschluss. Die protestantischen Niederländer im Süden (Sint Maarten) feiern ihren Höhepunkt erst am 30. April.

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Historische Gründe für das versetzte Datum

Wie die Politologin Stephie Gumbs erklärt, ist das späte Datum keineswegs willkürlich. Es handelt sich vielmehr um einen Dank an das niederländische Königshaus, der aus Kolonialzeiten übriggeblieben ist: Königin Juliana, die Großmutter des aktuellen Monarchen Willem Alexander, hatte am 30. April Geburtstag. Obwohl der „Koningsdag“ des Königs am 27. April liegt und die Bevölkerung 2010 für mehr Unabhängigkeit votierte, blieb man am etablierten Termin fest.

Seit 2010 firmiert der Inselsüden als autonomes Gebiet im Königreich der Niederlande, doch die Bande zu den einstigen Kolonialherren sind deutlich lockerer geworden. Trotzdem hat sich die Tradition des späten Karnevals erhalten.

Zwei Welten, ein Fest

Gumbs, die beide Umzüge besucht, beschreibt deutliche Unterschiede: „Auf der französischen Seite ist alles kleiner und familienfreundlicher.“ Bei den Niederländern hingegen erlebe man eine Riesenparty mit fantastischen Kostümen, einem Carnival Village und zusätzlichen Festivals. „Es ist mehr als nur ein Straßenkarneval“, betont sie.

Beide Seiten eint, dass die Einheimischen beim Feiern weitgehend unter sich bleiben. Internationale Besucher verirren sich selten hierher. Eine Ausnahme ist Thiara Dicky aus Boston, die 2024 als Gast einer Gruppe im Zug mitging – ein kostspieliges Vergnügen: Allein für ihr Kostüm investierte sie 2.000 Dollar.

Kulturelle und politische Kuriositäten

Der zweigeteilte Karneval ist nicht die einzige Besonderheit der 75.000-Einwohner-Insel. Trotz der Loslösung vom Mutterland haben Südbewohner Anspruch auf einen niederländischen Pass, lehnen die offizielle Landessprache Niederländisch aber konsequent ab. Geldschäfte werden in US-Dollar abgewickelt, während der Norden ausschließlich Französisch spricht und mit Euro bezahlt.

Um die Verwirrung komplett zu machen: Der Norden gehört zur EU, der Süden nicht – wobei die gesamte Insel nicht zum Schengen-Raum gehört. Der öffentliche Nahverkehr meidet die Grenzüberquerung, obwohl weder Zöllner noch Schlagbäume im Weg stehen. Selbst die Stromspannung unterscheidet sich: 110 Volt im Süden, 220 Volt im Norden.

Mehr als nur Karneval

Während des Karnevals bleibt bei moderatem Alkoholkonsum genug Zeit für Inseltouren. Die größte Attraktion neben dem angenehmen Klima und azurblauem Wasser ist der Maho Beach, wo Linienjets in geringer Höhe über Badegäste donnern – perfekt für Social-Media und Anekdoten.

Friedlicher geht es im französischsprachigen Marigot zu, wo ein Markt mit kreolischem Streetfood lockt. Hoch über dem Städtchen thront Fort St. Louis aus dem 18. Jahrhundert. Die Mullet Bay bietet Restaurants mit karibischer Fusion-Küche und Füßen im Sand.

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Für Geschichtsinteressierte gibt es das Museum „We Culture“, das sich als erstes Erlebniszentrum für karibischen Karneval versteht – inklusive Kostümvorführung. Sogar unter Wasser lebt das Fest weiter: Der Skulpturenpark „Under SXM“ zeigt Schnorchlern traditionelle karnevalistische Rituale zwischen bunten Fischen.

Musikalischer Ausklang

Die unter Wasser fehlende Beschallung liefert an Land die „Night of the Hitmakers“ nach. Auf dem Programm stehen Soca, Reggaeton und Dub – diesmal ohne Kostüme, aber wieder mit dichten Rauchschwaden vom Grill und gut gefüllten Bars.

St. Martin bleibt dank seines ausgeglichen-tropischen Klimas ein Ganzjahresreiseziel mit Temperaturen zwischen 27 und 29 Grad. Die Hurrikan-Saison von Juli bis Oktober bringt günstigere Preise, da viele Urlauber die Insel dann meiden. Der Karneval 2026 erstreckt sich vom 10. April bis 5. Mai, mit Höhepunkten am 30. April und 2. Mai.