Eickhof am frühen Morgen. Noch liegt Dunst über dem Durchbruchstal der Warnow, die Sonne kämpft sich tastend über die Baumwipfel. Aus einem Bungalow am Flussufer dringt das Zirpen eines Handy-Weckers. Kurz darauf huschen Silhouetten mit Kameras, Stativen und Thermobechern durch das Grau, als ginge es auf Expedition – und das tut es auch. Zehn Fotografen der Gesellschaft für Naturfotografie (GDT), Regionalgruppe Mecklenburg-Vorpommern, arbeiten an einer neuen Bildergeschichte: die Warnow.
„Wir haben natürlich erst einmal ein bisschen Scouting gemacht, ein lockeres Konzept, was die Warnow und ihre Lebensräume ausmacht“, erzählt Naturfotografin Sandra Bartocha aus Wulkenzin. Das Projekt ist auf mehrere Jahre angelegt. Der Ansatz ist so geduldig wie die Natur selbst: beobachten, abwarten, den richtigen Moment finden. „Das Spannende ist die Energie in der Gruppe, aus unterschiedlichen Charakteren und unterschiedlichen Spezialgebieten entsteht eine Vielfalt, die keiner allein schaffen könnte“, sagt Bartocha.
Urtümliche Natur vom Durchbruchstal bis zur Bucht
Die Warnow fließt quer durch Mecklenburg, von der Seenplatte bis zur Rostocker Bucht. Mal eng eingeschnitten in ein Durchbruchstal, dann wieder gemächlich durch Niedermoore und Erlenwälder. Wer hier unterwegs ist, erlebt ein Stück urtümliches Norddeutschland fernab touristischer Klischees. Das fasziniert auch Mirko Dreßler, Biologe und Leiter der GDT-Regionalgruppe: „Das ist schon eine spektakuläre Landschaft für Mecklenburger Verhältnisse. Wir haben hier Libellen gesehen, die schlüpfen, Turmfalken und Feuchtwiesen. Das alles auf engstem Raum. Die Natur ist hier sehr reichhaltig.“
Zwischen den Hotspots: Fotografen zeigen das echte MV
Was Mirko Dreßler beiläufig schildert, ist das Herz des Projekts: hinschauen, wo andere vorbeifahren. Die Fotografen wollen zeigen, dass Mecklenburg-Vorpommern weit mehr ist als Rügen, Müritz und Ostseestrand. „Die Leute kennen halt all diese bekannten Tourismusorte“, sagt Bartocha. Aber es gebe so viele Orte dazwischen, mit Räumen zum Staunen. Die Gruppe hat einen festen Plan: Aus den Bildern und Videos soll eine Multivisionsshow entstehen, vielleicht ergänzt durch eine Outdoor-Ausstellung etwa beim Umweltfotofestival „Horizonte Zingst“ oder an Orten entlang des Flusses.
Ausstellungen als Schaufenster für das Bundesland
Damit wird das Projekt auch zu einem Schaufenster des Landes. „Wir möchten mit unseren Bildern Werbung für dieses wunderschöne Bundesland machen“, so Sandra Bartocha. Wie wirksam das sein kann, hat die Gruppe schon mehrfach bewiesen. Frühere Projekte wie „Schilfland“ im Anklamer Stadtbruch oder „Skizzen einer Landschaft“ im Biosphärenreservat Schaalsee haben Tausende Besucher angezogen. Die großformatigen Ausstellungen zeigen die Landschaften nicht als Postkartenmotive, sondern als Lebensräume – poetisch, authentisch, nah dran.
Mit dem Kanu nah dran: Vogelkonzert auf der Warnow
Mitten im Fluss treibt Oliver Borchert aus Schwerin im Kanu. Sonst fotografiert er Konzerte und Theater, jetzt lauscht er dem morgendlichen Chor am Wasser. „Da waren es vor allem die unzähligen Vögel, die in den Schilfsäumen ein großartiges Konzert gegeben haben“, erzählt er. Besonders das Blaukehlchen hat es ihm angetan. „Wenn man paddelnderweise durchs Wasser gleitet, nehmen die Tiere einen nicht als Gefahr wahr. So kommt man viel näher heran und hört buchstäblich die Musik der Natur“, schwärmt der Schweriner.
Die drei Akteure stehen stellvertretend für die fast 50 Aktiven in der Gruppe und zeigen, was Naturfotografie in Mecklenburg-Vorpommern bedeuten kann: Leidenschaft, handwerkliche Präzision und ein liebevoller Blick auf die eigene Heimat. Dabei wissen sie, dass ihre Arbeit auch eine touristische Wirkung hat. Gute Bilder machen neugierig, öffnen Augen, schaffen Bindung. Während die Sonne nun höher über dem Durchbruchstal steht, glitzert der Fluss wie flüssiges Glas. Die Objektive richten sich auf das Licht. Ein neuer Tag beginnt gerade an der Warnow – und vielleicht auch ein neues Kapitel für die Naturfotografie in Mecklenburg-Vorpommern.



