Wiesn-Kontroverse: Giesinger Bräu will per Bürgerentscheid aufs Oktoberfest
Giesinger Bräu: Bürgerentscheid für Wiesn-Zulassung

Wiesn-Debatte um Bierausschank: Giesinger Bräu plant Bürgerbegehren

Beim Starkbierfest von Giesinger Bräu strömten Hunderte durch winterliches Wetter zum Festzelt – und wurden mit einer politischen Ankündigung überrascht. Brauereichef Steffen Marx verkündete öffentlich seinen Plan für ein Bürgerbegehren, das den Weg für Giesinger Bräu auf das Münchner Oktoberfest ab 2027 ebnen soll. Die Reaktionen von Stadtverwaltung und Wiesn-Verantwortlichen fallen jedoch durchweg skeptisch aus.

Der Vorstoß: Demokratischer Weg zur Wiesn

Nach dem traditionellen Fassanstich durch OB-Kandidat Clemens Baumgärtner (CSU) ergriff Marx das Wort und präsentierte seine Strategie. Die zentrale Frage des geplanten Bürgerbegehrens lautet: „Bist Du dafür, dass die Landeshauptstadt München ab 2027 auch den Ausschank von Bier der Brauerei Giesinger Bräu auf dem Münchner Oktoberfest erlaubt?“ Marx begründet diesen ungewöhnlichen Schritt damit, dass es keinen geregelten Prozess für neue Brauereien auf der Wiesn gebe und seine bisherigen Bemühungen bei der Stadt auf taube Ohren gestoßen seien.

Seit jeher sind nur sechs Brauereien für den Bierausschank auf dem Oktoberfest zugelassen: Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten. Diese exklusive Liste missfällt dem Giesinger-Chef seit Gründung seiner Brauerei im Jahr 2006 – und nun, zwei Jahrzehnte später, will er die Sache in die Hand der Münchner Bürgerinnen und Bürger legen.

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Skepsis von offizieller Seite

Wiesn-Chef Christian Scharpf (SPD) reagierte umgehend mit deutlichen Worten. Zwar betonte er, dass die Liste der zugelassenen Brauereien in den Betriebsvorschriften nicht abschließend sei und neue Bewerber grundsätzlich willkommen seien. Allerdings müssten diese bestimmte Bedingungen erfüllen, insbesondere in den Kategorien „leistungsfähig“ und „bewährt“.

„Es ist befremdlich, den Weg eines Bürgerbegehrens anzustreben, ohne zuvor das gängige Verfahren versucht zu haben“, so Scharpf gegenüber der AZ. Tatsächlich hat Giesinger Bräu bis heute keinen offiziellen Antrag auf Wiesn-Zulassung gestellt. Der Brauerei fehlen zudem Erfahrungen mit der Belieferung großer Wirtshäuser oder Festzelte – abgesehen vom eigenen Starkbierfest.

Juristische Hürden und politische Unterstützung

Die Anwälte Andreas Feuersinger und Maximilian Schmid, die Giesinger in dieser Angelegenheit vertreten, räumen ein, dass die formellen Hürden für ein erfolgreiches Bürgerbegehren vergleichsweise hoch sind. Die jüngste Ablehnung des Bürgerbegehrens „Hochhaus-Stop“ durch Gerichte zeigt die strengen Anforderungen. Dennoch sehen sie die konkrete Fragestellung als zulässig an, da sie auf eine Änderung der Betriebsvorschriften abzielt, bei der Giesinger als siebte Brauerei genannt werden soll.

Politische Unterstützung erhielt Marx überraschenderweise von Clemens Baumgärtner, der noch auf der Bühne das Bürgerbegehren unterschrieb – obwohl der CSU-Kandidat in der Vergangenheit stets den regulären Bewerbungsweg betont hatte. Zu seinen Motiven äußerte sich Baumgärtner später nicht weiter.

Reaktionen der Wiesn-Wirte

Unter den etablierten Wiesn-Wirten herrscht Zurückhaltung. Christian Schottenhamel, Sprecher der Wiesn-Wirte, wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Otto Lindinger (Bodos Cafézelt), Sprecher der kleinen Wiesn-Wirte, erklärte: „Wir halten die Vorgaben der Stadt für richtig. Ein Bürgerentscheid ist in erster Linie öffentlichkeitswirksam – das ist nun mal dem Herrn Marx sein Vorgehen.“

Interessanterweise zeigten sich die Wiesn-Wirte Stefan Egger und Kathrin Wickenhäuser-Egger (Münchner Stubn) aufgeschlossener. Sie waren eigens zum Starkbierfest gekommen und unterstützen grundsätzlich alles, was Bewegung auf die Wiesn bringe. Marx bestätigte gute Kontakte zu mehreren Wiesn-Wirten und nannte drei bis vier potenzielle Interessenten für eine künftige Belieferung – ohne jedoch Namen zu nennen.

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Realistische Zeitplanung

Selbst im Erfolgsfall würde Giesinger Bräu frühestens 2029 auf der Wiesn ausgeschenkt werden, wie Marx selbst einräumt. Zunächst müssten im Bürgerbegehren rund 35.000 Unterschriften gesammelt werden – ein Ziel, das der Brauereichef optimistisch für den Sommer ankündigt. Anschließend bräuchte ein Bürgerentscheid die Zustimmung von etwa 100.000 Wahlberechtigten.

Für den Fall einer positiven Entscheidung plant Marx keine eigene Wiesn-Wirtschaft, sondern lediglich die Belieferung eines kleinen oder mittleren Festzeltes. „Vielleicht ist der ein oder andere Wirt dabei, der Geschichte schreiben will und das Giesinger Bräu auf die Wiesn bringt“, so seine Hoffnung.

Am Ende des Starkbierabends feierte man zunächst weiter: das eigene Bier, die treue Anhängerschaft und den Traum, eines Tages Teil der Wiesn-Tradition zu werden – egal auf welchem Weg dieser Traum Wirklichkeit werden könnte.