Mit Fahrrad und Mini-Wohnmobil durch die Seenplatte: Jürgen zieht sein Zuhause hinter sich her
Jürgen zieht sein Zuhause mit dem E-Bike durch die Seenplatte

Mit Fahrrad und Mini-Wohnmobil durch die Seenplatte: Jürgen zieht sein Zuhause hinter sich her

Während der Akku seines Elektrofahrrads an der Ladestation in Waren (Müritz) Energie tankt, genießt Jürgen Friese die Sonne. Direkt hinter ihm steht sein gesamtes Hab und Gut: ein kompaktes Mini-Wohnmobil, das er mit dem E-Bike durch die malerische Seenplatte zieht. Der 57-Jährige, der sich selbst „Mensch Jürgen“ nennt, hat sich für ein Leben in Bewegung entschieden – minimalistisch, autark und stets mit seinem eigenen Bett im Schlepptau.

Vom anstrengenden Muskelantrieb zur elektrischen Unterstützung

„Zu Anfang bin ich ohne Motor gefahren. Das war mir zu anstrengend“, erzählt Friese. Die Lösung war ein Elektrofahrrad, das eine wesentliche Erleichterung brachte. Sein Haus auf Rädern wiegt rund 50 Kilogramm, und obwohl eine Zuladung von 30 Kilogramm während der Fahrt erlaubt wäre, lebt der Berliner bewusst minimalistisch. „Man hat immer viel zu viele Klamotten und zu viel Zeug. Dabei braucht man das alles gar nicht“, betont er. Überflüssiges wird verkauft oder verschenkt.

Flexibles Leben zwischen Sommerhandel und Winterjobs

Seinen Lebensunterhalt verdient Friese im Sommer durch den Verkauf regionaler Produkte wie Eier und Honig. Für größere Anschaffungen sucht er sich saisonale Jobs, oft in der Gastronomie mit Personalwohnung – etwa in Bayern oder Österreich. „Ich war schon in Garmisch-Partenkirchen, in Vorarlberg und Tirol. Überall war es wunderschön“, schwärmt er. Selbst bei kurzen Aufenthalten von nur einem Monat kommt er so viel herum.

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Für solche Arbeitsphasen reist er mit dem Zug und deponiert sein reduziertes Gepäck bei Freunden. Flexibilität ist Teil seines Konzepts. Meist beginnt die Arbeitssaison im November. Falls sich nichts ergibt, bleibt er auch im Norden – wie im vergangenen Winter in Neustrelitz am Stadthafen.

Überwintern bei minus zehn Grad Celsius

Dort trotzte er Temperaturen von minus zehn Grad Celsius. Morgens und abends heizte er sein Mini-Domizil mit einer Campingheizung auf, tagsüber verkaufte er vor Supermärkten oder wärmte sich beim Bäcker mit einem heißen Kaffee. Die Wäsche sammelt er und nutzt öffentliche Waschmöglichkeiten; für die Körperhygiene dienen öffentliche Duschen und Toiletten.

Sein Fahrradwohnmobil misst gerade einmal zwei Meter in der Länge, 90 Zentimeter in der Breite und etwa einen Meter in der Höhe. „Am Kopf und an den Füßen ist noch Platz“, sagt er lachend. Anfangs sei es an den Seiten etwas eng gewesen, doch daran habe er sich gewöhnt.

Stellplatzsuche per App und neugierige Blicke

Über eine App findet er geeignete Stellplätze. Bevorzugt übernachtet er auf Wohnmobilplätzen oder an Wasserwanderrastplätzen, wo es Strom, Wasser und Gesprächspartner gibt. Sein ungewöhnliches Gefährt zieht fast überall neugierige Blicke auf sich. Fragen beantwortet der Camping-Liebhaber gern – auch die nach der Stromversorgung. Eine Solaranlage auf dem Dach mit 400 Watt Leistung liefert Energie für Handy, Notfall-Akkus und das E-Bike, das sogar während der Fahrt geladen werden kann.

Vom Berliner Familienleben zum mobilen Minimalismus

Jürgen Friese lebte früher mit seiner Familie in Berlin. Nach der Trennung zog er zunächst an den Rand der Hauptstadt, suchte dann aber mehr Ruhe, die er schließlich in Mirow fand. Dort hatte er eine Wohnung und Arbeit, verbrachte seine Freizeit jedoch fast ausschließlich auf dem Campingplatz. „Eigentlich brauche ich die Wohnung nur zum Schlafen“, erinnert er sich. Er suchte sich Arbeit mit Unterkunft und Verpflegung, gab die Wohnung direkt auf und sparte das verdiente Geld – bis er sich für rund 5000 Euro sein kleines Zuhause auf Rädern kaufte.

Dokumentation im Internet und große Reiseträume

Heute dokumentiert Friese sein Leben unterwegs im Internet – auf YouTube unter „Die gestörten Naturgeister“ und auf TikTok als „Mensch Jürgen“. Ein großer Reisetraum bleibt: Mit Fahrrad und Mini-Wohnmobil einmal durch Schweden reisen. Doch das will gut geplant sein. Bis dahin fährt er weiter durch die Seenplatte – stets mit dem eigenen Bett im Schlepptau und der Freiheit, die ihm sein minimalistisches, mobiles Leben schenkt.

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