Kreuzfahrten versprechen Erholung, Abenteuer und Exklusivität. Doch viele Reisende übersehen die bewusst eingeplanten und oft verlängerten Seetage. Ein ehemaliger Mitarbeiter von AIDA Cruises enthüllt nun, dass die Reederei mit diesen Tagen sowohl ökonomische als auch praktische Ziele verfolgt. Dies geht aus der ZDF-Dokumentation „Die Insider“ hervor, die 2023 erstmals ausgestrahlt wurde und jetzt in der Mediathek verfügbar ist.
Seetage als Einnahmequelle
Urlauber verbringen scheinbar endlose Stunden auf dem Schiff, während die Reedereien sie vom Landgang ausschließen und selbst erheblich profitieren. Daniel, der fünf Jahre auf Aida-Schiffen tätig war, erklärt, dass die Strecke von Gran Canaria nach Madeira deutlich schneller zurückgelegt werden könnte. Doch das Unternehmen zieht es aus wirtschaftlichen Gründen vor, die Schiffe gemächlich vorankommen zu lassen: Durch langsames Fahren spart es Treibstoff und senkt die Hafenliegegebühren. Gleichzeitig nutzt die Reederei die Langeweile der Gäste, um daraus wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen.
Lockangebote und Steuervorteile
An Bord suchen die Passagiere aktiv nach Unterhaltung, sei es im kostenpflichtigen Spa-Bereich, an den Bars oder in den Shops. Die Reederei animiert sie mit limitierten Sonderangeboten zum Kauf – beispielsweise durch „Happy Hour“-Angebote oder zeitlich begrenzte Rabatte. Auch steuerliche Vorteile locken die Gäste: Auf offener See verwandeln sich die Geschäfte in Duty-free-Shops. Eine wahre Goldgrube sind zudem die uneingeschränkten Glücksspiele.
Kampf um die Liegen
An Tagen mit besonders hoher Passagierzahl, teilweise bis zu 5000 Menschen, verschärfen sich die Engpässe in den beliebten Bereichen. Die Gäste buchen die À-la-carte-Restaurants oft nicht rechtzeitig, sodass viele auf das Buffet ausweichen müssen. Insiderin Ina erklärt, dass viele Erstfahrer oft nicht daran denken, ihre Plätze bereits am ersten Reisetag zu reservieren. Wer das versäumt, riskiert Enttäuschungen.
Auch das Sonnendeck wird zum Schauplatz von Konflikten. Frühmorgens reservieren Urlauber ihre Liegen mit Handtüchern, sehr zum Unmut derer, die später kommen. Hier greift das Konzept der „Liegeengel“. Diese Mitarbeiter entfernen Handtücher von unbenutzten Liegen, um eine gerechtere Verteilung zu ermöglichen. Doch findige Urlauber haben das System durchschaut und lassen persönliche Gegenstände wie Sonnenbrillen, Bücher oder Zeitungen auf der Liege zurück. Dann dürfen die Liegen nicht geräumt werden, und andere haben das Nachsehen. Insiderin Nina sagt, das Sonnendeck müsste mindestens dreimal so groß sein, um allen Gästen gerecht zu werden.
Verpflegung und Kalorien
Trotzdem muss niemand auf dem Kreuzfahrtschiff verhungern. Eine Umfrage unter 1000 Kreuzfahrturlaubern zeigt, dass die Passagiere im Schnitt 5000 Kalorien pro Tag zu sich nehmen, was schnell zu einer Gewichtszunahme von zwei bis drei Kilogramm führen kann. Die Gäste bevorzugen besonders Fisch, doch Insider Daniel erklärt, dass Aida den vermeintlich frischen Fisch oft nicht in der erwarteten Frische liefert. Aus logistischen und wirtschaftlichen Gründen kauft das Unternehmen die Nahrungsmittel zentral ein und verteilt sie von Hamburg aus weltweit per Containerschiff. Diese Schiffe benötigen für die Lieferung bis zu 14 Tage.
Kritik an der Doku
Die ZDF-Doku mit dem Untertitel „Die geheimen Strategien des Kreuzfahrt-Giganten“ wird von vielen Kreuzfahrern als einseitig, völlig überzogen und „journalistischer Tiefpunkt“ bewertet. Dennoch wirft sie ein Schlaglicht auf die Praktiken der Branche.



