Triest und die Bora: Ein Wind, der Geschichte schreibt
In der norditalienischen Hafenstadt Triest an der Adria ist die Bora allgegenwärtig. Dieser kalte und trockene Fallwind aus Ost-Nord-Ost prägt das tägliche Leben, die Architektur und sogar die lokale Kultur. Ähnlich wie der Föhn in München gehört die Bora zu Triest wie das Meer zur Adria. Die Einwohner der Stadt lieben oder hassen sie, doch ignorieren können sie sie nicht.
Ein Café als Zufluchtsort vor den Böen
Im historischen „Caffè degli Specchi“, dem zweitältesten Kaffeehaus Triests, findet man Schutz vor den heftigen Windstößen. Hier trinken die Triestiner ihren Espresso, der lokal „Nero“ genannt wird, oft an der Bar für nur einen Euro. Das Café liegt strategisch günstig mit dem Rücken zur Einfallsrichtung der Bora, was es zu einem beliebten Treffpunkt macht. Von den Fensterplätzen aus beobachtet man, wie die italienische Flagge am Rathaus steif im Wind steht und Fußgänger auf der Piazza Unità d'Italia mitunter wie Betrunkene taumeln.
Sabina Viezzoli, eine erfahrene Naturführerin, erklärt: „Die Böen kommen überraschend und können selbst Lkw und Straßenbahnen umwerfen.“ Sie trägt eine Halskette mit 365 farbigen Scheiben, die die Windstärke im Jahresverlauf anzeigt: Rot für starke Bora, Dunkelblau für normale Bora und Hellblau für windstille Tage. Vor allem in den Wintermonaten dominieren die roten und dunkelblauen Töne.
Stadtplanung im Zeichen des Windes
Die Triestiner haben gelernt, mit der Bora zu leben. Sicher sind die verwinkelten Gassen der Altstadt, während die Via della Bora mit speziellen Geländern gesichert ist. Am Canal Grande, gesäumt von prächtigen Palästen aus der Habsburgerzeit, bieten Händler Obst, Gemüse, Olivenöl und Blumen an. Sandra Stopper, eine Markthändlerin, nennt die Bora „eine Tragödie“, da sie ihre Stände mit Seilen sichern muss, oft mit gemischtem Erfolg.
Trinkwasserbrunnen mit halbrunden Schutzblechen verhindern, dass das Wasser bei Wind ins Gesicht spritzt. Eine bronzene Windrose am Ende des Molo Audace, eines 250 Meter langen Kais, stellt die Bora mit dicken Backen dar. Hier sind die charakteristischen Winde Triests verewigt. Bei starkem Wind ragen nur noch Poller aus der schäumenden See, und sogar die Barcolana, die größte Segelregatta der Welt, musste schon abgesagt werden.
Ein Museum für den unsichtbaren Riesen
Rino Lombardi hat vor über 25 Jahren ein Bora-Museum gegründet, das er als „kein klassisches Museum“ bezeichnet. Ursprünglich sammelte er Wind in Dosen und Flaschen, mittlerweile umfasst seine Sammlung über 500 Winde aus aller Welt. Im Mittelpunkt steht die Bora, die Lombardi als „eine unsichtbare Institution der Stadt“ beschreibt. Ausgestellt sind Schuhe mit Spikes für mehr Bodenhaftung, gusseiserne Bügeleisen als Ballast in Schultornistern und Seile von der Stadtverwaltung.
Seit September 2025 zeigt das „Borarium“ in Opicina, einem Vorort im Norden Triests, ausgewählte Exponate. Besucher erfahren, dass die Bora 1954 eine Rekordgeschwindigkeit von 171 Kilometern pro Stunde erreichte, und können interaktiv Film- und Tondokumente abrufen. „Wir sammeln die Erinnerungen der Leute“, sagt Lombardi.
Leben mit der Bora im Val Rosandra
Sara Parovel aus Bagnoli della Rosandra im Val Rosandra, einem der großen Einfallstore der Bora, kennt die Kraft des Windes aus erster Hand. Als Zweijährige wurde sie von einer Böe erfasst und purzelte „wie ein Ball“ über den Boden. Die Bora hat schon Dächer abgetragen und schwere Holztische durch die Luft gewirbelt. Auf solch einem Tisch serviert Parovel Besuchern eine Vesperplatte mit Käse, Schinken, Wein und Olivenöl, wenn der Wind nicht tobt.
Ihre Familie besitzt 6.000 Olivenbäume, viele über 100 Jahre alt und nach Südwesten zur Adria geneigt. Hier wachsen „Bianchera“-Oliven, deren Öl reich an Polyphenolen ist und einen scharf-bitteren Geschmack hat. Das besondere Mikroklima, geprägt von der Bora, verleiht den Oliven ihre ausgezeichnete Qualität.
Die Bora in Triest ist mehr als nur ein Wetterphänomen – sie ist ein Stück Identität, das Museen füllt, Geschichten schreibt und sogar die Landwirtschaft beeinflusst. Ob geliebt oder gefürchtet, sie bleibt ein fester Bestandteil des Lebens in dieser einzigartigen Hafenstadt.



