Deutscher Reisekonzern unter Druck: Massiver Rechtsstreit in Großbritannien
Der deutsche Tourismusriese TUI steht vor einer ernsthaften juristischen Herausforderung auf der anderen Seite des Kanals. In Großbritannien formiert sich eine beachtliche Sammelklage gegen das Unternehmen, die ein finanzielles Volumen von rund 5,7 Millionen Euro umfasst. Die Klage wirft ein grelles Licht auf vermeintliche Versäumnisse in einem Luxushotel auf den Kapverden, einer Inselgruppe etwa 570 Kilometer vor der afrikanischen Westküste.
Hunderte Betroffene erheben schwere Vorwürfe
Laut Medienberichten, unter anderem von The Independent, haben sich etwa 300 britische Urlauber zusammengeschlossen, um Ansprüche gegen TUI geltend zu machen. Die Kläger reisten im Jahr 2022 in das All-inclusive-Hotel Riu Palace Santa Maria auf der Insel Sal und berichten von gravierenden gesundheitlichen Problemen. Die Anschuldigungen sind schwerwiegend: In einem besonders tragischen Fall bringen die Kläger sogar den Tod einer 62-jährigen Britin mit dem Aufenthalt in dem Fünf-Sterne-Hotel in Verbindung.
Die britische Kanzlei Irwin Mitchell vertritt die Interessen der Urlauber. Nach Angaben der Anwälte sollen in den vergangenen Jahren mehr als 1500 Touristen während oder nach ihren Reisen auf die Kapverden erkrankt sein. Einige Betroffene mussten entweder vor Ort oder nach ihrer Rückkehr ins Vereinigte Königreich stationär im Krankenhaus behandelt werden.
Persönliche Schicksale und konkrete Anschuldigungen
Einer der Kläger ist Michael Pressley aus Lincolnshire. Seine Ehefrau Jane Pressley verstarb nur wenige Wochen nach der gemeinsamen Reise. Pressley macht den Reiseveranstalter direkt verantwortlich und wirft TUI vor, grundlegende Hygienestandards in dem Hotel nicht gewährleistet zu haben.
In den offiziellen Klageschriften werden detaillierte und erschreckende Mängel aufgelistet:
- Speisen sollen teilweise nicht ausreichend durchgegart serviert worden sein.
- Das Wasser in den Swimmingpools war laut Angaben verschmutzt.
- Die Hotelzimmer werden als "unhygienisch, von Schädlingen wie Kakerlaken befallen und/oder anderweitig nicht angemessen sauber" beschrieben.
- Mehrere Gäste meldeten zahlreiche Kakerlaken und andere Schädlinge in ihren Unterkünften.
- Sogar das Auftreten von "zahlreichen streunenden Hunden an einem Privatstrand" wird als Indiz für mangelnde Hygiene gewertet.
Eine betroffene Urlauberin gibt an, nach dem Verzehr von rohem oder nicht ausreichend gegartem Fleisch schwer erkrankt zu sein. Die Anwälte der Klägerseite sprechen insgesamt von sechs Todesfällen, die ihrer Ansicht nach mit den hygienischen Zuständen auf den afrikanischen Inseln in Zusammenhang stehen könnten.
TUI bestreitet die Vorwürfe entschieden
Das Riu Palace Santa Maria ist das erste der betroffenen Hotels, bei dem die Klagen nach britischem Recht verhandelt werden sollen. Ein Termin vor dem High Court ist für Ende des kommenden Jahres angesetzt. Tui bestreitet laut den Anwälten der Kläger jede Haftung für die geschilderten Erkrankungen. Der Konzern wollte sich auf Anfrage nicht offiziell zu dem laufenden Verfahren äußern.
Aus informierten Unternehmenskreisen verlautete jedoch, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen den tragischen Todesfällen und den Zuständen in dem Hotel nicht erwiesen sei. Die Verteidigung des Reisekonzerns wird sich voraussichtlich auf diese Argumentation stützen.
Ausblick auf ein langwieriges Verfahren
Das Gericht wird sich frühestens ab 2027 mit der Gesamtheit der etwa 300 Einzelfälle befassen. Ein außergerichtlicher Vergleich zwischen den Parteien scheint derzeit ausgeschlossen. Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass TUI am Ende eine Entschädigungszahlung an die Urlauber leisten muss. Die konkrete Höhe einer solchen Zahlung steht jedoch vollkommen in den Sternen und hängt vom Ausgang des langwierigen Prozesses ab.
Sammelklagen: Ein Instrument, das es auch in Deutschland gibt
Die Frage, ob solche Sammelklagen auch in Deutschland möglich sind, kann mit einem klaren Ja beantwortet werden. Seit der Einführung des Musterfeststellungsklageverfahrens dürfen qualifizierte Verbraucherverbände dieses Instrument nutzen, um kollektive Ansprüche durchzusetzen. Bekannte Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind:
- Der VW-Dieselskandal
- Auseinandersetzungen um Sparkassen-Prämiensparverträge
- Rechtsstreitigkeiten wegen Vodafone-Vertragserhöhungen
Der Fall gegen TUI in Großbritannien zeigt somit nicht nur die grenzüberschreitenden Herausforderungen für globale Tourismuskonzerne, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die unterschiedlichen, aber sich annähernden Rechtsinstrumente zum Schutz der Verbraucher in Europa.



