Bäckerbranche im Wandel: Millioneninvestitionen und handwerkliches Sterben in Sachsen-Anhalt
Die Bäckerbranche in Sachsen-Anhalt erlebt derzeit eine paradoxe Entwicklung. Während Großunternehmen mit massiven Investitionen expandieren, kämpfen traditionelle Handwerksbäckereien um ihr Überleben. Diese Diskrepanz wirft ein Schlaglicht auf die tiefgreifenden Veränderungen in einer Branche, die seit Jahrhunderten das Bild deutscher Innenstädte prägt.
Großinvestitionen in Wittenberg und Halle
Der neue Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Sven Schulze, kehrte kürzlich von einem Besuch in Prag mit konkreten wirtschaftlichen Zusagen zurück. Die deutschen Töchter des tschechischen Agrofert-Konzerns investieren insgesamt 120 Millionen Euro in Wittenberg. Davon fließen 50 Millionen Euro in Projekte der SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH, Deutschlands größtem Düngemittelhersteller.
Die Großbäckerei Lieken GmbH erhält 70 Millionen Euro für eine neue Produktionslinie speziell für Laugengebäck. Werkleiterin Jennifer Staats erklärt: „Durch diese Erweiterung können wir zusätzlich zur bestehenden Produktion mehr als 80 Millionen Laugenzöpfe aus Wittenberg für Deutschland, Österreich, England und weitere europäische Länder produzieren.“
Parallel dazu expandiert die Großbäckerei Bonback in Halle mit einer Investition von über 300 Millionen Euro. Hinter diesem Projekt steht das Unternehmen Schwarz Produktion aus Weißenfels, das zum Schwarz-Konzern gehört, der durch seine Discounter Lidl und Kaufland bekannt ist.
Das stille Sterben der Handwerksbäckereien
Während die Großbäckereien expandieren, vollzieht sich bei den handwerklichen Bäckern ein stilles Sterben. Martin Ostheere, Geschäftsstellenleiter des Landesverbandes der Bäcker in Sachsen-Anhalt, betont: „Die Großunternehmen können Energie teilweise sehr viel günstiger einkaufen und haben durch die Massenproduktion erhebliche Kostenvorteile. Der Wettbewerbsdruck steigt seit Jahren daher deutlich.“
In Sachsen-Anhalt schließt fast monatlich eine Bäckerei. Aktuell geben gleich drei Traditionsbetriebe auf: die halleschen Bäckereien Rödel und Neubauer sowie Zörner in Langenbogen. Bäckermeister Jürgen Weidner aus Reideburg sieht darin nur den Anfang: „Das ist nur der Anfang. Wir werden alle aussterben.“ Er erinnert daran, dass die Einführung eigener Backstrecken in Supermärkten vor Jahren für viele Handwerksbäcker den Anfang vom Ende markierte.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von 2013 bis Ende 2023 sank die Zahl der Bäckereien in Sachsen-Anhalt um ein Drittel auf nur noch 234 Betriebe.
Ursachen und Perspektiven
Ostheere relativiert die finanzielle Not als Hauptursache: „In der Regel finden ältere Bäckermeister keine Nachfolger und schließen dann ihre Betriebe.“ Dennoch stellt die Preissensibilität der Kunden eine große Herausforderung dar. Bei 40 Cent pro Brötchen ist für viele Verbraucher die Schmerzgrenze erreicht.
Die Handwerksbäcker können jedoch mit speziellen Angeboten punkten, die in Supermärkten nicht zu finden sind. Blechkuchen, Buchweizenbrot oder andere Spezialitäten bieten Differenzierungsmöglichkeiten. Die Vielfalt und Individualität handwerklicher Produktion bleibt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber der standardisierten Massenproduktion.
Die Bäckerbranche in Sachsen-Anhalt steht somit an einem Scheideweg. Während industrielle Großbäckereien mit Millioneninvestitionen ihre Marktposition ausbauen, kämpfen traditionelle Handwerksbetriebe um ihre Existenz. Diese Entwicklung spiegelt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle Veränderungen wider, die das Gesicht vieler Gemeinden nachhaltig verändern werden.



