Deutschlands letzte große Warenhauskette Galeria steht erneut unter Druck. Das Unternehmen benötigt dringend frisches Geld. Kommt dieses nicht, stehen rund 12.000 Arbeitsplätze und 83 Filialen auf der Kippe. Es wäre das letzte Kapitel einer langen Geschichte des Niedergangs der einst stolzen Kaufhaus-Ikonen Karstadt und Kaufhof.
Die goldene Ära der Kaufhäuser
Jahrzehntelang prägten Karstadt und Kaufhof, später Galeria, die deutschen Innenstädte. Sie boten Kleidung, Kosmetik, Spielzeug, Schreibwaren, Haushaltswaren und Technik – alles unter einem Dach, oft mit einem Selbstbedienungsrestaurant im obersten Stockwerk. Doch spätestens in den 2000er-Jahren hatte dieses Konzept seine beste Zeit hinter sich. Karstadt (gegründet 1881) und Kaufhof (gegründet 1879) standen vor dem gleichen Problem: Sie boten vieles an, aber immer seltener etwas Einzigartiges. Sie waren weder besonders billig noch besonders exklusiv. Gleichzeitig wuchs der Online-Handel, und Technik-Fachmärkte am Stadtrand lockten Kunden an. Die großen Häuser in teuren Innenstadtlagen wurden zur Belastung.
Thomas Middelhoff und der Fehlschlag
Die Krise zeigte sich besonders deutlich bei Karstadt. Ab 2004 sollte der frühere Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff (heute 73) den Konzern sanieren. Er setzte auf Umsatzsteigerung und träumte von einer europaweiten Expansion. Doch die Pläne scheiterten. Um dem Unternehmen Luft zu verschaffen, verkaufte Middelhoff an den Fonds „Highstreet“ von Goldman Sachs. Dieser Verkauf, zunächst als Befreiungsschlag gefeiert, wurde zur größten Belastung: Karstadt war fortan nur noch Mieter der Warenhäuser und zahlte steigende Pachten. Im Juni 2009 beantragte Arcandor Insolvenz, später musste Middelhoff wegen Untreue ins Gefängnis.
Nicolas Berggruen und die enttäuschten Hoffnungen
2010 wurde der deutsch-amerikanische Investor Nicolas Berggruen (64) als Retter gefeiert. Er übernahm die angeschlagenen Karstadt-Häuser und versprach, Filialen und Jobs zu erhalten. Dafür verzichteten die Mitarbeiter auf Geld. Am Ende profitierte nur der Investor, die Probleme blieben.
Die Fusion mit René Benko und der Absturz
Während Karstadt kämpfte, galt Galeria-Kaufhof lange als stabiler. Doch auch dort belasteten große Verkaufsflächen, Personalkosten und steigende Mieten. Kaufhof gehörte lange zur Metro-Gruppe, bevor die Kette 2015 an die kanadische Hudson’s Bay Company (HBC) verkauft wurde. HBC setzte auf Kosmetik, Schuhe und Handtaschen und versuchte, das Online-Geschäft zu stärken. Der Erfolg blieb aus. Da kam das Angebot des Immobilien-Investors René Benko (49) gelegen. Der Österreicher hatte zuvor die Karstadt-Premiumhäuser (KaDeWe, Alsterhaus) und später alle übrigen Karstadt-Warenhäuser von Berggruen übernommen.
2018 legten HBC und Benko Karstadt und Kaufhof zu einem Unternehmen mit damals 32.000 Beschäftigten zusammen. Aus zwei Traditionsketten wurde Galeria Karstadt Kaufhof, später nur Galeria. 2019 übernahm Benkos Signa-Gruppe die restlichen Anteile von HBC und kontrollierte den Konzern vollständig. Gemeinsamer Einkauf, weniger Doppelstrukturen und ein moderneres Profil sollten die Zukunft sichern. Doch die Fusion vereinte vor allem zwei Unternehmen mit den gleichen Problemen. Dann kam die Corona-Pandemie und traf den Krisen-Konzern mit voller Wucht. Während der Lockdowns blieben die Häuser geschlossen, die Umsätze brachen ein. Im April 2020 beantragte Galeria ein Schutzschirmverfahren. Nur mit Staatsgeldern blieb das Unternehmen am Leben.
Die letzte Schrumpfkur und das Ende
Die erste harte Schrumpfkur folgte: 42 Standorte mussten schließen, Tausende Stellen fielen weg. Als dann auch noch Benko mit seiner Signa-Gruppe in die Pleite rutschte, erreichte der Niedergang die nächste Stufe. Anfang Januar 2024 musste Galeria erneut Insolvenz anmelden. Weitere Umstrukturierungen und neue Geldgeber verschafften Zeit. Die Konzernzentrale wurde drastisch verkleinert und von Essen nach Düsseldorf verlegt, Teile der Kaufhausflächen wurden an Discounter (Aldi, Lidl) oder Sportgeschäfte (Decathlon) abgegeben. Doch jetzt wird das Geld wieder knapp. Mieten können nicht bezahlt werden, mit einer Rabattschlacht sollen zumindest die Mitarbeitergehälter gesichert werden. Doch das alles reicht offenbar nicht. Die Zeit der Kaufhäuser in Deutschland scheint endgültig vorbei zu sein.



