Milliardärsideologie: Wenn Gier zum gesellschaftlichen Dogma erhoben wird
Die Vorstellung, dass grenzenlose Gier eine positive gesellschaftliche Kraft darstelle, hat sich in bestimmten Kreisen zu einer gefährlichen Ideologie verfestigt. Prominente Vertreter wie Elon Musk, Peter Thiel und Jeff Bezos propagieren ein Menschenbild, das Empathie als Hindernis und egoistische Bereicherung als höchstes Ziel betrachtet.
Das Missverständnis von Adam Smiths Erbe
Das wohl am gründlichsten missverstandene Zitat der Wirtschaftswissenschaften stammt von Adam Smith aus seinem Werk "Der Wohlstand der Nationen". Radikale Marktliberale haben daraus ein Dogma abgeleitet, das Smith selbst nie vertrat: Die Annahme, der Mensch sei im Kern ein reiner Egoist. Dabei ignorieren sie bewusst Smiths früheres Werk "Die Theorie der ethischen Gefühle", in dem er betonte, dass Menschen natürlicherweise am Glück anderer interessiert seien.
Die wissenschaftliche Realität sieht anders aus: Selbst Schimpansen zeigen in Experimenten moralische Urteile und prosoziales Verhalten. Die Sozialpsychologie hat längst den Zusammenhang zwischen Empathie und altruistischem Handeln nachgewiesen - ein Konzept, das als "Empathie-induzierter Altruismus" bekannt ist.
Die gefährlichen Konsequenzen eines verzerrten Menschenbilds
Aus dem Dogma der grenzenlosen Gier ergeben sich gewichtige gesellschaftliche Implikationen. Wenn Egoismus als positive Kraft betrachtet wird, erscheinen Altruismus und Empathie automatisch als Hindernisse für wirtschaftlichen Fortschritt. Elon Musk formulierte dies drastisch: "Das fundamentale Problem der westlichen Kultur ist Empathie."
Diese Denkweise institutionalisiert sich in Systemen wie dem US-Wahlkampffinanzierungssystem, wo Geld direkt politische Macht kaufen kann. Die Logik ist simpel und zynisch zugleich: Wenn Gier gut ist, dann sind die Gierigsten die Besten - und sollten daher die meiste Macht besitzen.
Superreiche als Sprachrohr einer gefährlichen Agenda
Jeff Bezos' Umgang mit der "Washington Post" zeigt exemplarisch, wie Milliardäre demokratische Institutionen instrumentalisieren. Obwohl er die Zeitung ursprünglich als journalistische Institution absichern wollte, publiziert sie heute auf sein Geheiß Editorials, die Milliardäre vor Besteuerung schützen sollen. Gleichzeitig investierte Bezos 75 Millionen Dollar in einen Werbefilm über Melania Trump, wobei über zwanzig Millionen Dollar direkt in die Taschen der Trump-Familie fließen.
Die Konsequenzen sind dramatisch: Die "Washington Post" verliert Hunderttausende Abonnenten und entließ kürzlich ein Drittel ihrer Belegschaft, darunter wichtige Auslandskorrespondenten in Kriegsgebieten wie der Ukraine.
Die reale Gefahr für demokratische Gesellschaften
Der rapide wachsende Abstand zwischen Top- und Normalverdienern in den USA und anderen westlichen Gesellschaften dient primär den Reichsten. Donald Trumps Steuersenkungen begünstigten vor allem die Wohlhabendsten, während das US-Staatsdefizit explodiert. Milliardäre wie Peter Thiel fördern Projekte für pseudodemokratische Staaten ohne echte Repräsentation, geleitet von CEOs als de facto Diktatoren.
Die intellektuelle Schlichtheit dieser Ideologie ist erschütternd, aber gefährlich wirksam. Ayn Rands Roman "Atlas Shrugged" dient als Bibel für diese Denkweise, in der Unternehmer-Übermenschen sich von den "Fesseln" des Staates befreien wollen. Doch Reichtum ist kein Ausweis besonderer Weisheit oder analytischer Tiefe.
Gesellschaften, die die Idee akzeptieren, dass grenzenlose Gier gut und universell sei, basieren auf einer grotesk verzerrten Wahrnehmung der menschlichen Natur. Diese Fehlannahme führt unweigerlich zu sozialer Spaltung, Untergrabung demokratischer Institutionen und letztlich zum Scheitern des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die aktuellen Entwicklungen in den USA zeigen, wohin dieser Weg führen kann.



