Wachsender Reichtum, wachsende Wut: Plädoyer für eine neue Lobby
Wachsender Reichtum, wachsende Wut: Plädoyer für neue Lobby

Der neue World Wealth Report offenbart eine beunruhigende Entwicklung: In Deutschland leben rund 1,8 Millionen Millionäre, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Ihr Vermögen wuchs um 12,7 Prozent und damit deutlich schneller als das der Reichen weltweit (8,7 Prozent). Wo bereits Vermögen ist, vermehrt es sich – aber diese Flut hebt nicht alle Boote. Die Wirtschaft stagniert, die Reallöhne bewegen sich auf dem Niveau von 2019.

Ein brennendes Feuer

Angesichts der Weltlage drängt sich ein anderes Bild auf: Es brennt. Der Klimawandel ist spürbar, Kriege werden wieder heiß geführt, Krisen häufen sich. Trotz Brandmauer in den Parlamenten steht die AfD bei rund 27 Prozent. Wer genug besitzt, baut sich eine eigene Brandmauer und bringt das Vermögen in Sicherheit – damit die Feuer der Gegenwart nicht auf die eigene Familie übergreifen.

Populisten schüren dieses Feuer. Nahrung findet es dort, wo Menschen nicht mehr glauben, durch eigene Arbeit aufsteigen zu können, und wo die, die oben sind, vor allem ihren Besitz verteidigen. Wie diese Haltung aussieht, zeigt sich in Berlin, wenn sich die Spitzenpolitik beim Tag des Familienunternehmens der Stiftung Familienunternehmen trifft. Die Stiftung ist die einflussreichste Stimme der großen Vermögen und ihr zentrales Anliegen ist es, höhere Steuern zu verhindern.

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Ein doppeltes Spiel

Gemessen an diesem Ziel ist sie erfolgreich. Aber dass dieser Kampf wenig mit dem Gemeinwohl zu tun hat, weiß die Stiftung selbst. Ihr Gründer kommt aus einer auf Vermögensnachfolge spezialisierten Anwaltskanzlei. Als der Bundesfinanzhof 2019 dem Netzwerk Attac die Gemeinnützigkeit aberkannte, zog die Lobby Konsequenzen: 2021 gründete sie eine zweite, nicht gemeinnützige Stiftung – die Stiftung Familienunternehmen und Politik – allein für Lobbyarbeit. Gleicher Vorstand, gleiches Kuratorium, gleiches Haus. Die gemeinnützige Mutter behält ihre Steuerfreiheit, der Zwilling führt mit Millionenbudgets den Kampf gegen die Steuer.

Legal, aber ein doppeltes Spiel. Das Handelsblatt nannte die Konstruktion einen geschickten Schachzug, aber der eigentliche Trick liegt darin, gegen die Erhöhung einer Steuer zu argumentieren, die noch nicht einmal ansatzweise in der gesetzlichen Höhe bezahlt wird. Steuerpflichtige Vermögen lassen sich über Familienstiftungen und die Verschonungsbedarfsprüfung in begünstigtes Betriebsvermögen umschichten. Die Anteile gehen an Erben, die selbst nichts besitzen – meist die Kinder. Das Statistische Bundesamt zählt für 2021 bis 2024 genau 105 Anwendungen. Statt der fälligen Steuer von 7,83 Milliarden Euro wurden 465 Millionen gezahlt. Allein 2023 wechselten in 26 Fällen rund sechs Milliarden Euro den Besitzer, die effektive Steuer lag bei 0,1 Prozent.

Wachsende Vermögensschere

Die Lobby verteidigt einen Steuersatz, der nur auf dem Papier steht. Und sie bestreitet das eigentliche Problem: die wachsende Vermögensschere. Ihre Aussage, die Ungleichheit sei seit 2010 gesunken, stützt sich auf Befragungen, die die extreme Spitze nicht erfassen. Tatsächlich wachsen große Vermögen nicht erst seit dem vergangenen Jahr. Nach Daten des DIW haben sie seit 2008 insgesamt 69 Prozent zugelegt.

Das Gefühl, wirtschaftlich abgehängt zu sein, ist der Treibstoff populistischer Bewegungen. Die neuen politischen Debatten verlaufen nicht mehr rechts und links, sondern entlang einer neuen Linie: Oberhalb vermehrt sich Vermögen praktisch von selbst, unterhalb ist der Aufstieg schwerer als für jede Generation zuvor. Wer sich als Stimme der Unternehmer versteht, aber nicht begreift, dass Unternehmergeist Chancen für neuen Wohlstand schafft, ist in Wirklichkeit nur ein Vermögensverwalter.

Eine Brandschneise statt Brandmauer

Es gibt eine ältere, bessere Strategie als immer höhere Mauern: die Brandschneise. Ein Streifen, freigeräumt, damit die Flammen nicht überspringen. Die nächste Generation in Unternehmerfamilien erkennt die rhetorischen Strohmänner und morschen Halbwahrheiten. In Gesprächen mit Vermögenden und Unternehmern höre ich seit Jahren denselben Wunsch: nach einer Stimme, die für eine lebenswerte, ökologische und gerechtere Zukunft eintritt. Diese Stimme gibt es schon – sie ist nur leiser und noch nicht organisiert.

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Die Generation, die jetzt Vermögen übernimmt, kann dem Feuer sein Futter nehmen: Chancen für alle schaffen, mit positiver Wirkung investieren, spenden, weitergeben, umverteilen. Schon mit einem Prozent aller Vermögen pro Jahr ließen sich wesentliche Probleme lösen. Bei zehn Prozent Wachstum geht das. Es ist verständlich, dass der reichste Moment der Weltgeschichte von Verlustangst geprägt ist. Er könnte aber auch ein Moment des wahren Unternehmertums sein – und ein Moment für eine neue Lobby, die keine Mauern baut, sondern die Brände löscht.