Nach 150 Jahren: Traditionsunternehmen Wiedewald Moden in Güstrow schließt für immer
Wiedewald Moden in Güstrow schließt nach 150 Jahren

Das Ende einer Ära: Wiedewald Moden in Güstrow schließt nach 150 Jahren

In Güstrow geht eine über anderthalb Jahrhunderte währende Familientradition zu Ende. Das traditionsreiche Unternehmen Wiedewald Moden schließt zum 1. Mai für immer seine Türen. Der letzte Verkaufstag ist der 30. April, was für die Stadt und die Region einen bedeutenden Verlust im Einzelhandel bedeutet.

Fünf Generationen zwischen Kaiserzeit und Gegenwart

Gegründet wurde die Firma am 1. Mai 1875 von Kürschnermeister Julius Wiedewald als reine Kürschnerwerkstatt. In der Kaiserzeit etablierte sich das Unternehmen schnell als zuverlässiger Produzent feinster Pelzwaren und als Hutmacher. Über fünf Generationen hinweg führte die Familie das Geschäft durch alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen.

Nach Julius Wiedewald übernahm um 1912 sein Sohn Hans die Geschäfte, gefolgt von dessen gleichnamigem Sohn. Nach dessen frühem Tod führte Witwe Tilli Wiedewald das Unternehmen weiter, bevor ihr Sohn Hans Peter Wiedewald die Tradition fortsetzte. Auch Tochter Stefanie ließ sich vom Kürschnerhandwerk inspirieren, absolvierte eine entsprechende Ausbildung und übernahm später den Betrieb von ihrem Vater. Seit 2021 ist Wilfried Minich, der Ehemann von Stefanie Wiedewald, der letzte Inhaber des Traditionsunternehmens.

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Standortwechsel und architektonische Präsenz

In den 150 Jahren zog die Firma zweimal um. Der erste Firmensitz befand sich dort, wo sich heute die Häuser Markt 1 und 2 befinden. Um 1900 war der Pferdemarkt 16, heute Standort einer Fielmann-Filiale, eine kurze Zwischenstation. Seit den 1920er-Jahren hat das Unternehmen seinen Sitz am Pferdemarkt 23, wo das Haus speziell für das Ladengeschäft umgebaut wurde.

Die markanten großen Bogenfenster prägen die Fassade bis heute und verleihen dem Gebäude eine unverwechselbare Präsenz. In den hinteren Räumen und im Keller befand sich über Jahrzehnte die Werkstatt, in der das Handwerk lebendig gehalten wurde.

Vom Pelzhandwerk zur Modewelt

„Die längste Zeit stand bei Wiedewald die Herstellung und der Verkauf von Pelzwaren aller Art im Zentrum der Tätigkeit“, blickt Wilfried Minich zurück. In der Blütezeit des Kürschnerhandwerks gab es über 20 solcher Betriebe in Güstrow. Die Familie bezog ihre Pelze auf Messen oder direkt bei Gerbereien, wobei Leipzig als wichtigster Bezugspunkt galt.

Besonders bemerkenswert war die Kundschaft in der DDR-Zeit: Nach der Enteignung durch die Volkseigene Handelsorganisation in den 1950er-Jahren produzierte die Familie weiter in einer privaten Werkstatt. Die meisten Kunden waren damals Offiziere aus dem nahen sowjetischen Hospital, die für ihre Frauen Pelzmäntel, -jacken und -mützen im Wert mehrerer tausend Mark erwarben. Selbst Generäle sollen zu den zahlungskräftigen Kunden gehört haben.

Die Wende und der Wandel

Mit der Wiedervereinigung erhielt die Familie zwar Haus und Ladengeschäft zurück, doch die Produktion von Kürschner-Artikeln endete. Wiedewald Moden konzentrierte sich fortan auf den Handel mit Bekleidung, Pelzen und Lederartikeln, darunter eine große Auswahl an Taschen. Die alten Nähmaschinen blieben als stumme Zeugen der Vergangenheit im Familienbesitz.

Gründe für das Ende

Die Entscheidung zur Geschäftsaufgabe hat mehrere Ursachen. „Das Alter spielt, wenn man die 60 Jahre erreicht hat, eine Rolle. Es gibt aber auch keinen, der die Firma weiterführen kann“, erklärt Wilfried Minich. Hinzu kommen wirtschaftliche Gründe: Der Konsum im lokalen Einzelhandel habe sich zuungunsten kleiner Geschäfte entwickelt, und Güstrow sei nicht mehr die einstige Einkaufsstadt der Region.

Das Haus am Pferdemarkt 23 ist bereits verkauft. Die neuen Eigentümer haben Ideen für die Zukunft des Gebäudes, wobei die Familie hofft, dass wieder ein Geschäft einziehen wird.

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Abschied und Dank

Wenn Wiedewald Moden am 30. April zum letzten Mal öffnet, bleibt der Familie nur, sich bei ihren Kunden für die jahrelange Treue zu bedanken. Bis dahin können Kunden noch Sonderangebote nutzen und letzte Gutscheine einlösen. Mit dem Unternehmen verschwindet nicht nur ein Geschäft, sondern ein Stück Güstrower Stadtgeschichte, das über 150 Jahre das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Region mitgeprägt hat.