Immer mehr gebrauchte Elektroautos kommen auf den Markt – auch ältere Modelle mit teils hohem Kilometerstand. Die entscheidende Frage für Käufer: Kann man ein E-Auto mit Vorgeschichte bedenkenlos kaufen? Maßgeblich ist der Zustand des Akkus, denn er ist das teuerste Bauteil. Mit jedem Ladezyklus verliert er geringfügig an Speicherkapazität – ein normaler Vorgang, der als Degradation bezeichnet wird. Im Idealfall verläuft dieser Kapazitätsverlust als flache, langsam abfallende Kurve.
Langlebigkeit der Akkus: Garantien und Prüfverfahren
Die meisten Hersteller gewähren eine lange Garantie, die sich auf 70 Prozent der ursprünglichen Kapazität über acht Jahre oder 160.000 Kilometer nach Erstzulassung erstreckt. Doch die Akkus halten oft deutlich länger. Die Batteriegesundheit, auch „State of Health“ (SoH) genannt, lässt sich durch Auslesen der Batteriedaten messen. Mehrere Dienstleister bieten solche Akku-Checks an.
Als besonders fortschrittlich gilt der „Premium Test“ des österreichischen Anbieters Aviloo. Dieser misst die Batterie während eines kompletten Ladezyklus – von voll bis leer – und wertet die Daten jeder einzelnen Zelle aus. Bei Problemen warnt das Zertifikat.
Beurteilung nach drei Kriterien
Ab welchem Gesundheitszustand gibt es Bedenken? „Eine allgemeingültige SoH-Untergrenze, ab der eine Batterie 'endgültig' am Ende ist, gibt es aus unserer Sicht nicht“, sagt Aviloo-Chef Marcus Berger. Denn jede Batterie altert anders. Selbst Akkus mit identischen Leistungsdaten und identischer Nutzung könnten laut Aviloo ganz unterschiedlich schnell Kapazität einbüßen.
Die Batterie-Experten empfehlen Autokäufern ein gestuftes Vorgehen:
- Schritt 1: Vergleichen Sie die gemessene Restkapazität mit Ihrem Fahrprofil. Für einen Pendler mit nur 30 km Wegstrecke können 65 Prozent SoH völlig ausreichen.
- Schritt 2: Prüfen Sie das Prüfprotokoll auf den „Knick“ – den sogenannten „Knee Point“. Dabei handelt es sich um einen Punkt, ab dem die Kapazität beschleunigt nachlässt. In der Kurve der nachlassenden Ladekapazität sieht dies wie ein Knie aus – also ein Knick. Danach sinkt die Speicherfähigkeit deutlich schneller.
- Schritt 3: Ist das Auto bereits hinter dem Knick? Dann überlegen Sie, ob Sie mit zwei Problemen leben können: Ab dem Knick steigt laut Aviloo der Innenwiderstand im Akku stark an, was die Leistungsabgabe und die Schnellladefähigkeit mindert. Kurz gesagt: Der Akku liefert deutlich weniger und langsamer Energie und lädt langsamer.
Auswertung von 40.000 Batterie-Checks
Eine Auswertung von 40.000 Aviloo-Messungen ergab: Die meisten Akkus behalten auch weit oberhalb von 200.000 km einen hohen SoH. Allerdings steigt ab diesem Kilometerstand der Anteil der Akkus, deren Zustand Aviloo mit einer „Warnung“ bewertet, stark an. Ab 250.000 km Laufleistung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Gesundheitszustand einknickt.
Nur rund 0,5 Prozent aller 40.000 Messungen ergaben einen SoH von weniger als 70 Prozent – das entspricht etwa 200 Fahrzeugen. Doch selbst bei den E-Autos mit mehr als 300.000 km Laufleistung hatte weniger als ein Viertel einen SoH unter 70 Prozent. Die Zahl der Messungen mit einer Warnung lag bei 2,9 Prozent, also 1160 Autos. Das zeigt, wie gering der Anteil kritischer Akkuzustände ist.
Probleme im Winter: Kälte als Stressfaktor
Ein alternder Akku zeigt sich zuerst im Winter: „Stress ist vor allem die Kälte – hier zeigen sich die Probleme früh“, so ein Experte des ADAC. Das bedeutet: Ist ein alter Akku bereits stark abgenutzt, kann er bei Kälte schnell an seine Grenze kommen. „Dann werden vielleicht noch zehn Kilometer Reichweite angezeigt, und ein paar Sekunden später geht nichts mehr.“ Dieses Phänomen kennt man vom Smartphone – und es bedeutet, dass die Reichweite von E-Autos mit stark abgenutztem Akku im Winter drastisch sinken kann.



