Die Diskussion um die Wiedereinführung der Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag gewinnt an Fahrt. Während die Bundesregierung hofft, dadurch die Zahl der Krankschreibungen im Land zu senken, warnen eine Hausärztin und ein Arbeitspsychologe vor dem Gegenteil. Sie sehen einen großen Denkfehler in den Plänen, der sogar zu mehr Fehltagen führen könnte.
Kurzzeitige Beschwerden ohne Arztbesuch
Es gibt Beschwerden, die nach einem Tag auch ohne ärztliche Hilfe wieder verschwinden. Eine Migräne ist oft nach einer Nacht mit genug Schlaf und Dunkelheit vorbei. Auch Menstruationskrämpfe kommen und gehen – bei der einen hilft eine Wärmflasche, bei der anderen Schmerzmittel. Jemand mit Magen-Darm braucht am ersten Tag vor allem Ruhe, Flüssigkeit und eine Toilette. In all diesen Fällen wäre ein Arztbesuch nicht nur unnötig, sondern könnte sogar kontraproduktiv sein.
Warnung vor gegenteiligem Effekt
Die Hausärztin Dr. Martina Müller aus Berlin erklärt: „Viele Patienten kommen nur wegen der Attestpflicht in die Praxis. Das belastet das ohnehin überlastete System und führt zu längeren Wartezeiten für wirklich Kranke.“ Sie befürchtet, dass Arbeitnehmer aus Angst vor Sanktionen eher eine Krankschreibung holen, auch wenn sie eigentlich arbeitsfähig wären. Der Arbeitspsychologe Prof. Dr. Klaus Schmidt von der Universität Hamburg ergänzt: „Die Pflicht zum Arztgang signalisiert Misstrauen und kann die Motivation senken, sich schnell zu erholen. Stattdessen entsteht ein Anreiz, die Krankheit auszukurieren, um nicht erneut zum Arzt zu müssen.“
Denkfehler in der Planung
Beide Experten sehen einen grundlegenden Denkfehler: Die Politik gehe davon aus, dass mehr Kontrolle zu weniger Fehltagen führe. „Das Gegenteil ist der Fall“, so Schmidt. „Wenn ich für einen Tag Kopfschmerzen zum Arzt rennen muss, bleibe ich vielleicht gleich zwei Tage zu Hause, um sicherzugehen.“ Müller betont, dass die meisten Arbeitnehmer verantwortungsvoll mit kurzen Erkrankungen umgehen: „Sie wissen selbst am besten, ob sie arbeiten können oder nicht. Eine Attestpflicht entmündigt sie und schafft Misstrauen.“
Zahlen und Fakten zum Krankenstand
Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums lag der Krankenstand in Deutschland im Jahr 2023 bei durchschnittlich 5,5 Prozent. Etwa 40 Prozent der Krankschreibungen dauern nur ein bis drei Tage. Eine Studie der Techniker Krankenkasse zeigt, dass der Anteil der Fehltage ohne Attest bei etwa 15 Prozent liegt. Die geplante Attestpflicht ab Tag eins könnte diese Zahlen laut den Experten nicht senken, sondern steigern.
Praktische Auswirkungen auf Patienten
Für Patienten bedeutet die Regelung zusätzlichen Aufwand: Sie müssen bei leichten Beschwerden einen Termin beim Hausarzt machen, oft mit Wartezeiten von mehreren Stunden. „Das kostet Zeit und Nerven“, sagt Müller. „Und es bindet Kapazitäten, die für chronisch Kranke oder Notfälle fehlen.“ Schmidt warnt vor psychologischen Folgen: „Das Gefühl der Kontrolle kann das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beschädigen. Das führt langfristig zu höherer Fluktuation und mehr Stresskrankheiten.“
Alternativen zur Attestpflicht
Statt der Attestpflicht schlagen die Experten andere Maßnahmen vor: mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit, Homeoffice-Möglichkeiten und eine bessere betriebliche Gesundheitsförderung. „Wenn ich mit leichten Symptomen von zu Hause arbeiten kann, brauche ich kein Attest“, so Schmidt. Müller plädiert für eine Vertrauensregelung: „Die meisten Arbeitnehmer sind ehrlich. Wir sollten nicht die wenigen Betrüger zum Maßstab machen.“
Reaktionen der Politik
Die Bundesregierung hält an ihren Plänen fest. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) argumentiert, dass die Attestpflicht die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall absichern und Missbrauch verhindern solle. Die Opposition kritisiert die Pläne jedoch als bürokratisch und praxisfern. Die FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus nannte die Regelung „einen Eingriff in die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer“. Die Debatte wird voraussichtlich im Herbst im Bundestag fortgesetzt.



