Badeseen: Offizielle Bewertung täuscht über Schadstoffe hinweg
Badeseen: Offizielle Bewertung täuscht über Schadstoffe hinweg

Offiziell sind Europas Badeseen so sauber wie nie: Knapp 85 Prozent der mehr als 22.000 Badestellen in der EU sowie in Albanien und der Schweiz erhielten vor rund zwei Wochen die Bestnote „exzellent“. In Deutschland schafften das sogar knapp 91 Prozent der rund 2300 untersuchten Badegewässer. Doch dieser schöne Schein trügt, warnen Experten. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sagte gegenüber BILD: „Der schöne Schein trügt.“ Die offizielle Bewertung der Europäischen Umweltagentur (EEA) basiert ausschließlich auf zwei Fäkalbakterien: intestinalen Enterokokken und Escherichia coli. Andere Gesundheitsrisiken wie Cyanobakterien (Blaualgen) sowie chemische Schadstoffe wie Pestizide, Mineralöle oder PFAS bleiben außen vor.

Kritik an der Bewertungsmethode der EEA

Der Toxikologe Hans-Jörg Martin vom Universitätsklinikum Kiel kritisierte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Die gegenwärtige Bewertung reicht nach meiner Meinung nicht aus. Ein Gewässer kann die Grenzwerte von chemischen Stoffen sprengen und dennoch als exzellent eingestuft werden. Das ist irreführend.“ Die EEA weist die Verantwortung von sich. In einer Stellungnahme erklärte die Behörde, Grundlage ihrer Bewertung sei die EU-Badegewässerrichtlinie. Diese schreibe ausschließlich die Untersuchung der beiden Fäkalbakterien vor.

Zusätzliche Daten zeigen chemische Belastung

Das Medienhaus Correctiv hat nun zusätzliche Gewässerdaten der EEA ausgewertet, die neben den Fäkalbakterien auch chemische Belastungen erfassen. Das Ergebnis: EU-weit gelten mindestens 7.866 Badestellen nach den Vorgaben der Badegewässerrichtlinie als sauber, obwohl sie an Gewässern liegen, die nachweislich mit chemischen Schadstoffen belastet sind. Besonders viele solcher Badestellen gibt es in Italien, Dänemark, Ungarn und Frankreich. Auch in Deutschland sind viele Badeseen und auch Strände an Nord- und Ostsee stark belastet. Besser sieht es hingegen in Griechenland, Südfrankreich, Spanien und Portugal aus.

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Klimawandel verschärft das Problem

Die EU-Kommission sieht Handlungsbedarf. Gerade der Klimawandel könne das Problem verschärfen. Der NABU erklärt: „Bei großer Hitze erwärmt sich das Oberflächenwasser sehr stark. Es bildet sich zwischen Oberflächenwässer und Tiefenwasser eine sogenannte Sprungschicht, die den Wasseraustausch behindert.“ Wenn zu viele Nährstoffe vorhanden sind, komme es im Oberflächenwasser zu einer explosionsartigen Vermehrung der Algen. Sie sinken in die Tiefe und werden von Bakterien abgebaut, die dabei Sauerstoff verbrauchen. „Das führt u. a. zum Fischsterben, es kommt zu ökologischen Kipppunkten.“ Sobald diese Situation eintritt, kann es tatsächlich zu Problemen für Menschen kommen. Der Nabu warnt: „Dadurch leidet die Wasserqualität: Hautausschläge bei Badegästen können eine Folge sein.“

Forderungen nach besserer Information und Schutz

Deshalb gibt es inzwischen Forderungen, die Menschen besser zu informieren. „An Badestellen sollte vor dem Baden gewarnt werden, wenn das Wasser nachweislich mit Schadstoffen in stark erhöhten Konzentrationen belastet ist“, sagte der Chemiker Markus Große Ophoff von der Hochschule Osnabrück. Er gehört einer Expertenkommission des Umweltbundesamts an. Ein Risiko sehen Fachleute außerdem in Schaum auf Gewässern, der besonders stark mit PFAS belastet sein kann. Der NABU fordert darüber hinaus einen besseren Schutz der Gewässer, sodass Nähr- und Schadstoffe zurückgehalten werden, bevor sie in Flüsse, Seen oder Küstengewässer gelangen. Davon profitierten nicht nur die Ökosysteme, sondern am Ende auch die Wasserqualität für Badegäste. Die Botschaft ist am Ende klar: Eine Top-Note im offiziellen Badegewässer-Bericht bedeutet nicht automatisch, dass ein Gewässer sauber ist.

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