Rund 2000 Haushalte im Berliner Bezirk Pankow sind weiterhin nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. Nach der Schließung einer nahegelegenen Einleitstelle durch die Berliner Wasserbetriebe (BWB) müssen die Anwohner nun deutlich höhere Kosten für die Abholung ihrer Fäkalien zahlen. Für die betroffenen Familien bedeutet das eine jährliche Mehrbelastung von bis zu 600 Euro.
Kerstin Roop-Jander: Eine von vielen Betroffenen
Kerstin Roop-Jander lebt seit 1998 im Ortsteil Karow im Berliner Norden. Sie wusste, dass ihr Haus nicht an die Kanalisation angeschlossen ist, als sie einzog. Alles, was in Toilette und Dusche landet, wird in einer unterirdischen Grube gesammelt, die regelmäßig geleert werden muss. 30 Jahre lang hat die Rentnerin diesen Zustand hingenommen, doch nun ist sie verärgert: Statt endlich einen Anschluss zu erhalten, muss sie ab sofort 150 Euro pro Monat für die Fäkalabfuhr zahlen, statt wie bisher 100 Euro. Das macht 600 Euro mehr im Jahr – insgesamt 2100 Euro.
Hintergrund: Warum die Kosten steigen
Die BWB haben die Einleitstelle in Karow geschlossen, die zuvor von den Transportunternehmen genutzt wurde. Grund sei eine „dauerhaft untragbare technische und umweltfachliche Situation vor Ort“ sowie fehlende behördliche Genehmigungen, so die Wasserbetriebe. Seitdem müssen die Fäkalien bis nach Schönerlinde in Brandenburg transportiert werden. Thomas Bohnert von der Firma MagBo erklärt: „Wir haben dadurch längere Fahrtwege und höhere Fahrtkosten. Statt wie bisher zwölf Kunden pro Tag schaffen wir jetzt nur noch sechs. Die Hälfte des Umsatzes fehlt, die Kosten sind gestiegen – das geben wir an die Kunden weiter.“
Für die Haushalte kommen zu den monatlichen Abfuhrkosten von rund 100 Euro noch Abwassergebühren an die BWB von etwa zwei Euro pro Kubikmeter hinzu. Bei einem Zwölf-Kubikmeter-Tank, der monatlich geleert wird, ergibt sich eine jährliche Belastung von knapp 1500 Euro – plus der neuen Mehrkosten.
Appell an die Politik
Kerstin Roop-Jander schrieb einen Brief an Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) und forderte, die Einleitstelle in Karow „unverzüglich wieder zu ermöglichen“. Die Senatsverwaltung verwies jedoch auf die BWB. Diese erklärten, die Einleitstelle sei 2019 provisorisch eröffnet worden und ein Weiterbetrieb sei nicht möglich. Einen neuen Standort in der Nähe zu eröffnen, wäre teuer und würde die Anwohner erneut belasten.
Zustand in Berlin: Fast 7500 Sammelgruben
Obwohl bereits 1873 die ersten Berliner Haushalte an das zentrale Abwassernetz angeschlossen wurden, gibt es laut BWB im Jahr 2026 immer noch fast 7500 Sammelgruben in der Stadt. Die meisten befinden sich in Kleingärten oder unter Einfamilienhäusern in Pankow, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick. Bis 2031 sollen im Norden Berlins bis zu 900 Einfamilienhäuser an das öffentliche Abwassernetz angeschlossen werden. Ein Abpumpwerk in Buchholz und weitere Infrastruktur in Karow sind in Planung, doch bis dahin müssen die Anwohner die höheren Kosten tragen.
Lösungsansätze
Der CDU-Abgeordnete Johannes Kraft plant, kommende Woche Anwohner und Firmen an einen Tisch zu bringen, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. „Wenn die Unternehmen weniger Touren fahren können, gefährdet das die Entsorgungssicherheit von Tausenden Haushalten in unserer Region“, warnt Kraft. Thomas Bohnert von MagBo fürchtet um die Existenz seines Betriebs: „Was sollen denn die Kunden machen, wenn die Grube voll ist und niemand kann sie holen?“



