Bei massiven russischen Raketen- und Drohnenangriffen auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw in der Nacht zum Donnerstag sind nach Behördenangaben mindestens neun Menschen getötet und 34 weitere verletzt worden. Der ukrainische Zivilschutz meldete die Opferzahlen, nachdem zuvor von zwei Toten die Rede war. Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte: „Kyjiw steht unter Beschuss durch ballistische Raketen und Drohnen.“ AFP-Korrespondenten berichteten von mehr als einem Dutzend Explosionen in der Stadt. Erwachsene und Kinder flüchteten in U-Bahn-Stationen, viele mit Haustieren. Im Zentrum brach mindestens ein Feuer aus, Feuerwehr und Krankenwagen eilten unter einer dicken Rauchwolke zu den Explosionsorten. Der Leiter der Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, warf Russland eine gezielte Attacke auf Wohngebiete und Zivilisten vor.
Angriffe auf die Region Kyjiw und Butscha
Auch Ziele rund um Kyjiw wurden angegriffen. Gouverneur Mykola Kalaschnyk erklärte: „In der Nacht verübte der Feind erneut einen massiven Angriff auf die Region Kiew unter Einsatz von Kampfdrohnen, ballistischen Raketen und Marschflugkörpern.“ In Lagerhäusern und einem Wohnhaus im Bezirk Butscha seien Brände ausgebrochen. Andernorts wurden Wohnhäuser, ein Studentenwohnheim und Fahrzeuge beschädigt. Die Angriffe erfolgten nur Stunden nach der Warnung von Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einem bevorstehenden russischen „Großangriff“. Selenskyj hatte bei einer Pressekonferenz in Dublin gesagt: „Heute gibt es die unangenehme Information über die nächste Vorbereitung eines solchen massiven russischen Angriffs.“ Er rief die Bevölkerung auf, Alarmsignale zu beachten und Schutzräume aufzusuchen.
Studie: Russische Verluste steigen stark – insgesamt mehr als zwei Millionen Opfer
US-Militärexperten zufolge haben die ukrainischen Verteidiger zuletzt bemerkenswerte Erfolge erzielt und die Verluste des Gegners stark in die Höhe getrieben. Laut einem Lagebericht des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington machen der russischen Armee neben ihrer stotternden Bodenoffensive vor allem die zunehmenden Gefallenenzahlen zu schaffen. Insgesamt seien seit Kriegsbeginn im Februar 2022 rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder vermisst gemeldet worden – allein 1,4 Millionen auf russischer Seite. Während das Verhältnis zwischen russischen und ukrainischen Verlusten die meiste Zeit bei 2:1 oder 3:1 lag, sei es im ersten Halbjahr 2026 auf schätzungsweise 8:1 gestiegen. Hauptgrund sei der verstärkte Einsatz ukrainischer Kampfdrohnen. Die Gesamtzahl der russischen Gefallenen gab CSIS mit 400.000 bis 450.000 an, auf ukrainischer Seite 125.000 bis 150.000. Ende Januar hatte die Bilanz noch bei etwa 325.000 getöteten Russen und 100.000 bis 140.000 Ukrainern gelegen.
Kyjiw legt Regeln für Exporte ukrainischer Waffen fest
Die ukrainische Regierung hat am Mittwoch einen Mechanismus für den Export ihrer Waffen gebilligt. Verteidigungsminister Mychailo Fedorow erklärte: „Die Regierung hat den ersten transparenten Mechanismus für den Export ukrainischer Waffen beschlossen.“ Andere Länder könnten „ukrainische Waffen und Technologien kaufen und direkt mit ukrainischen Herstellern zusammenarbeiten“. Oberste Priorität seien jedoch die eigenen Verteidigungsbedürfnisse. „Exporte sind nur möglich, wenn die Versorgung des ukrainischen Militärs garantiert ist.“ Wenn Kyjiw bestimmte Waffen benötige, könnten Exportgenehmigungen verweigert werden. Die Ukraine hat eigene Technologien entwickelt, insbesondere bei Drohnen und Anti-Drohnen-Systemen. Bislang waren Waffenexporte eingeschränkt gewesen.
RKI: Rund jeder fünfte Geflüchtete aus Ukraine hat depressive Symptome
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in einem Bericht mitgeteilt, dass rund jeder fünfte aus der Ukraine nach Deutschland Geflüchtete (21 Prozent) depressive Symptome aufweist. 13 Prozent leiden an einer Angststörung. Damit sind Geflüchtete aus der Ukraine häufiger betroffen als Menschen deutscher Herkunft und regulär Zugewanderte. Für die Studie wurden Menschen mit und ohne Migrationserfahrung befragt, darunter aus der Ukraine, Afghanistan, Irak und Syrien. Insgesamt berichteten mehr Frauen als Männer von psychischen Belastungen. Großen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben soziale Bindungen, Arbeit und Diskriminierungserfahrungen. Bei Menschen aus der Ukraine gab es starke Zusammenhänge mit Alter, Geschlecht, Einkommen und Wohnzufriedenheit. Laut Studie gibt es einen großen psychosozialen Versorgungsbedarf.
Ukrainische Drohnenangriffe lassen russische Dieselexporte einbrechen
Ukrainische Drohnenangriffe auf wichtige Raffinerien haben Russlands Dieselsexporte im Juni einbrechen lassen. Die Ausfuhren von Diesel und Gasöl auf dem Seeweg sanken um 39 Prozent auf rund 1,8 Millionen Tonnen, wie aus Daten des Finanzdienstleisters LSEG hervorging. Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug der Rückgang 46 Prozent. Die Lieferungen aus dem Hafen Primorsk sanken um mehr als die Hälfte auf 623.000 Tonnen. Die Produktionsausfälle wirken sich auch auf den Inlandsmarkt aus: Angesichts steigender saisonaler Nachfrage führte das sinkende Angebot zu Engpässen und Verkaufsbeschränkungen in mehreren Regionen. Händler schätzen, dass die Exporte im Juli fast zum Erliegen kommen könnten. Die Ukraine will mit den Angriffen eine wichtige Einnahmequelle Russlands austrocknen.



