Nach zwei Jahrzehnten stabiler oder sinkender Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung kommt es im Jahr 2028 zu einer abrupten Trendwende. Erstmals seit 2007 werden die Beiträge wieder erhöht – und zwar deutlich. Für einen durchschnittlichen Arbeitnehmer bedeutet das eine jährliche Mehrbelastung von rund 510 Euro, wie der Wirtschaftsweise Martin Werding im „Handelsblatt“ berechnet hat.
Beitragssprung auf 19,9 Prozent erwartet
Laut der aktuellen Frühjahrsfinanzschätzung der Deutschen Rentenversicherung Bund rechnen die Experten mit einem Anstieg des Beitragssatzes von derzeit 18,6 Prozent auf 19,9 Prozent. Dies wäre die erste Erhöhung seit 2007, als der Satz ebenfalls auf 19,9 Prozent angehoben wurde. In den Folgejahren konnte er deutlich gesenkt werden und liegt seit 2018 unverändert bei 18,6 Prozent. Die Pläne der Bundesregierung könnten die Belastung sogar noch weiter erhöhen.
Ursachen für den Beitragsschock
Die finanzielle Schieflage der Rentenkasse hat sich nicht plötzlich entwickelt, sondern schleichend. Der boomende Arbeitsmarkt bescherte der Rentenversicherung bis 2023 hohe Überschüsse, sodass die Nachhaltigkeitsrücklage auf einen Rekordwert von 45 Milliarden Euro anwuchs. Seit 2024 muss jedoch auf diese Reserve zurückgegriffen werden, um die laufenden Ausgaben zu decken. Für 2027 werden nur noch knapp 12 Milliarden Euro erwartet, was 0,36 Monatsausgaben entspricht.
Die neue Regelung, die 2028 in Kraft tritt, schreibt vor, dass die Rücklage nicht unter 0,3 Monatsausgaben fallen darf. Um dies zu verhindern und das Defizit zwischen Einnahmen und Ausgaben auszugleichen, muss der Beitrag erhöht werden. Die Lücke wächst rasant: Für dieses Jahr wird ein Defizit von knapp 4 Milliarden Euro prognostiziert, für 2027 bereits über 20 Milliarden Euro.
Gründe für das steigende Defizit
- Schwache Wirtschaftsentwicklung: Die schlechteren Wachstumsaussichten haben die Prognose für den Beitragssprung um 0,1 Prozentpunkt erhöht.
- Demografische Entwicklung: Die steigende Zahl der Renteneintritte macht sich nun stärker bemerkbar, da der Zuwachs an Beschäftigten nachlässt.
- Politische Beschlüsse: Die Ausweitung der Mütterrente und die Haltelinie für das Rentenniveau treiben die Ausgaben in die Höhe. Der Bundeszuschuss deckt diese Kosten nur teilweise.
Finanzminister Lars Klingbeil plant zudem, den Bundeszuschuss ab 2027 um vier Milliarden Euro zu kürzen, was den Beitragssatz um weitere 0,2 Prozentpunkte erhöhen würde. In der aktuellen Schätzung ist dies noch nicht berücksichtigt. Mit dem Beitragssprung 2028 könnte die Gesamtbelastung durch die gesetzliche Rente auf über 20 Prozent des Bruttolohns steigen.



