Steuerberater: Branche agiert gegen eigenes Berufsrecht – Kritik an aggressiver Steuervermeidung
Steuerberater: Branche agiert gegen eigenes Berufsrecht

Ein Freund von Felix Oldenburg handelt online mit Schallplatten. Als er erbte, kämpfte sein Steuerberater monatelang darum, ihn vor der Erbschaftsteuer zu bewahren. Der Freund wollte zahlen, doch der Berater hielt das für einen Denkfehler und suchte weiter nach Gestaltungen. In einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Stiftungen“ tauschen sich Hunderte Unternehmer aus – fast ausschließlich über Erbschaft- und Wegzugsteuer, Holdings und Abschirmung. Dass Stiftungen auch gemeinnützig sein können, spielt dort keine Rolle.

Berufsrecht fordert Steuerrechtspflege, nicht Minimierung

Die Berufsordnung der Bundessteuerberaterkammer definiert Steuerberater in Paragraph 1 Absatz 1 als „Angehörige eines Freien Berufs und ein unabhängiges Organ der Steuerrechtspflege“. Nirgends steht, dass es ihre Aufgabe sei, die Steuerlast der Mandanten zu minimieren. Dennoch wird in Werbeanzeigen auf LinkedIn und Youtube aggressiv für Steuervermeidung geworben: „Steuerfrei, 0 Prozent mit Stiftung“ oder „Endlich nicht mehr die Hälfte Ihres Vermögens an den Staat abgeben“. Der Begriff „Steuerschaden“ bezeichnet die gezahlte Steuer als vermeidbaren Unfall.

Eine gute Bekannte mit dreistelligem Millionenvermögen sucht seit Jahren einen Steuerberater, der ihr hilft, Geld für Klimaschutz, Demokratie und Frauenrechte einzusetzen – ohne Erfolg. Das gemeinnützige Geben wird bürokratisch und defensiv kommuniziert, während die privatnützige Abschirmung aggressiv vermarktet wird.

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Hohe Kosten für Staat und Gesellschaft

Der unsichtbare Preis dieser Praxis ist hoch. 2023 nahm der Staat über die Erbschaftsteuer 9,2 Milliarden Euro ein, verzichtete aber aufgrund von Ausnahmen für Unternehmensvermögen auf knapp acht Milliarden Euro. Der Subventionsbericht der Bundesregierung führt die Erbschaftsteuerbegünstigung als größte Steuersubvention. Wer weniger als 200.000 Euro erbt, zahlt 12,1 Prozent; wer mehr als 20 Millionen Euro erhält, zahlt nach Abzug der Erlasse rund 4,7 Prozent – oder oft gar nichts, wenn Steuerberater dem Finanzamt die Bedürftigkeit nachweisen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte für 2021 bis 2023, wie aus 173 Millionen Euro Steuern nur noch 207.000 Euro wurden. Kein einziger Steuererlass ging nach Ostdeutschland. Dieses System kostet Vertrauen: Wenn die Regeln nicht für alle gleich funktionieren, steigt die Bereitschaft, an anderer Stelle zu schummeln.

Fehlende Alternativen und Selbstregulierung

Oldenburg betont, dass Legalität nicht das alleinige Kriterium für schädliches Verhalten sei. Tabakwerbung, Glücksspiel und Zucker sind legal, aber reguliert. Vor Werbeverboten und Limits liege die Selbstregulierung. Es gebe ethische Banken und zertifizierte Vermögensverwalter, aber keine gemeinwohlorientierten Steuerberater. Dabei bestehe ein Bedarf, wie Oldenburgs Umfeld zeigt.

Felix Oldenburg ist Autor („Der gefesselte Wohlstand“, 2025) und CEO des Stiftungs-Start-ups Bcause. Er fordert einen Beipackzettel für Steuerberatung: „Steuergestaltung bindet Ihr Vermögen und entzieht es dem Gemeinwesen, in dem Ihre Kinder leben.“

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