Am Donnerstag steht eine wichtige Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) an: Es geht um den Leitzins im Euroraum. Viele Marktbeobachter erwarten eine Zinserhöhung. Der Einlagenzins, der für Sparer relevant ist, liegt seit Juni 2025 unverändert bei 2 Prozent. Eine Anhebung könnte Auswirkungen auf Tagesgeld, Festgeld und Bauzinsen haben. Finanzprofis geben ihre Prognosen ab.
Markterwartungen: Zinserhöhung wahrscheinlich
Die Erwartungen an die EZB sind eindeutig. Jasmin Ehlert, Chefanalystin der Zinsplattform Raisin, erklärt in einem Marktkommentar: „Für diesen Donnerstag ist mit einem Zinsschritt der EZB nach oben zu rechnen.“ Die Inflation im Euroraum sei im Mai auf 3,2 Prozent gestiegen, was den Währungshütern die Datengrundlage für eine Anhebung liefere. Auch EZB-Direktorin Isabel Schnabel hatte diese Prognose kürzlich gestützt. Sollte es zur Erhöhung kommen, würde der Einlagenzins auf 2,25 Prozent steigen.
Allerdings warnen Finanzprofis auch vor den Nebenwirkungen einer Zinserhöhung. Geoff Yu, Anlageprofi beim Vermögensverwalter BNY, betont in einem Kommentar, dass die Risiken für das Wachstum nicht unterschätzt werden dürften. Höhere Zinsen könnten Kredite verteuern, Investitionen bremsen und die ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich belasten. Entscheidend werde daher die Kommunikation von EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Sitzung sein. Sie müsse klären, ob die Anhebung präventiv gemeint sei oder den Auftakt eines neuen Straffungszyklus markiere. Auch das Ausmaß möglicher Gegenstimmen im EZB-Rat gebe Aufschluss über den weiteren Zinspfad.
Weitere Prognosen für 2026: Zinspause und weitere Erhöhung erwartet
Für den weiteren Jahresverlauf stehen bereits Prognosen: „Die Märkte rechnen im Juli mit einer Zinspause, während für September bereits die nächste Erhöhung eingepreist wird“, sagt Ehlert. Der tatsächliche Kurs hänge jedoch von geopolitischen Entwicklungen und der Inflation ab. Auch Apobank-Ökonom Björn Ohl erwartet eine weitere Zinserhöhung im September, glaubt aber, dass Lagarde den Eindruck eines längeren Zinserhöhungszyklus vermeiden will. Für die kommenden zwölf Monate beschreibt er ein Muster: „erst zwei Schritte vor, dann wieder zwei zurück“. Für das erste Halbjahr 2027 prognostiziert Ohl eine Senkung des Einlagesatzes in zwei Schritten von 2,5 Prozent auf 2 Prozent. Hintergrund seien die erwartete Beilegung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran, eine konjunkturelle Abschwächung und ein Rückgang der Inflation in Richtung 2 Prozent.
Bauzinsen: Indirekte Auswirkungen des EZB-Entscheids
Für Immobilienkäufer ist der EZB-Entscheid ebenfalls relevant, auch wenn Bauzinsen nicht direkt am Leitzins hängen. Sie reagieren auf Inflationserwartungen, Kapitalmarktzinsen und die geldpolitische Ausrichtung. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski verweist auf die Bedeutung der geopolitischen Lage: „Die Kapitalmarktzinsen werden weiterhin stark von den Ereignissen im Nahen Osten geprägt sein.“ Selbst bei einem schnellen Ende des Konflikts sei die erste Inflationswelle nicht zu vermeiden. Die EZB werde im Juni mit einer ersten Zinserhöhung antworten. Nach Brzeskis Einschätzung könnten die Kapitalmarktzinsen und damit die Baufinanzierungskonditionen steigen, wenn der Inflationsdruck anhält und die EZB nachlegen muss. Bleibe es bei nur einer Erhöhung, hätten die Kapitalmarktzinsen wenig Spielraum nach oben.
Tagesgeld und Festgeld: Expertin rät zur Zinstreppe
Verbraucher können derzeit von hohen Sparzinsen profitieren. „Auf den vermeintlich perfekten Zeitpunkt zu warten lohnt sich aber nicht“, sagt Ehlert. Sie empfiehlt die Zinstreppe: Dabei wird das Anlagekapital in mehrere Teile aufgeteilt und auf gestaffelte Laufzeiten verteilt, beispielsweise auf ein, zwei und drei Jahre. Der Vorteil: Durch die Staffelung wird in regelmäßigen Abständen jeweils ein Teil des Geldes fällig. „Sollten die Zinsen in der Zwischenzeit weiter steigen, kann dieses Kapital zu den dann höheren Konditionen reinvestiert werden“, erklärt die Expertin. So können Anleger das steigende Zinsniveau Schritt für Schritt nutzen. Die aktuellen Festgeldangebote lassen sich in Vergleichen finden.



