Die Bayreuther Festspiele feiern in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag. Es ist eines der exklusivsten Kulturereignisse Deutschlands, doch das Jubiläum ist schwierig. Denn die Geschichte des berühmten Opernhauses auf dem Grünen Hügel ist untrennbar mit Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus verbunden.
Hitler und die Familie Wagner: Eine enge Verbindung
Der NS-Führer war nicht nur regelmäßiger Gast bei den Festspielen, sondern gehörte fast zur Familie Wagner. Ein besonders enges Verhältnis hatte Hitler zu Winifred Wagner (1897–1980), der Schwiegertochter des Komponisten Richard Wagner. Nach dem Tod ihres Mannes Siegfried Wagner 1930 übernahm sie die Leitung der Festspiele.
„Wir können heute nicht auf Richard Wagner und die Festspiele schauen, ohne dass der Blick durch die Optik des Dritten Reichs fällt“, sagt Dr. Sven Friedrich (63), Museums- und Archivdirektor des Richard Wagner Museums in Bayreuth.
Im September 1923 kam der damals noch weitgehend unbekannte Hitler zu einem „Deutschen Tag“ der NSDAP erstmals nach Bayreuth und besuchte die Familie Wagner. Zwischen Hitler und Winifred Wagner entwickelte sich eine enge Freundschaft. Nach dem gescheiterten Hitler-Putsch und während seiner Festungshaft in Landsberg schickte Winifred dem NS-Führer Pakete mit Lebensmitteln, Süßigkeiten und Schreibpapier ins Gefängnis. Nach ihren späteren Erinnerungen handelte es sich dabei um das Papier, auf dem Hitler große Teile seiner antisemitischen Hetzschrift „Mein Kampf“ verfasste.
Hitlers Familienersatz auf dem Grünen Hügel
„Die Wagner-Familie war für Hitler so etwas wie ein Familienersatz. Er hat sich in der Familie extrem wohlgefühlt“, erklärt Museumsdirektor Sven Friedrich. „Hitler hatte nicht nur zu Winifred einen engen Kontakt, sondern auch zu ihren vier Kindern, die ihn Onkel Wolf nannten. Besonders mochte Hitler den 1917 geborenen Wieland Wagner, der 1951 künstlerischer Leiter der Festspiele wurde.“
Friedelind Wagner (1918–1991) distanzierte sich als einziges der Kinder später von Hitler. 1937 verließ sie Nazi-Deutschland und bezog im Exil Stellung gegen die Nationalsozialisten.
Wagner als Lehrmeister der Propaganda
Hitler war ein großer Verehrer des Komponisten Richard Wagner, der ein schlimmer Antisemit war. Historiker streiten sich darüber, welchen Einfluss der Antisemitismus von Wagner auf den Judenhass von Hitler hatte. Für die meisten Geschichtswissenschaftler bestätigte Wagner den NSDAP-Chef in seinen antisemitischen Überzeugungen, aber Wagner war nicht Auslöser für Hitlers Judenhass.
Museumsdirektor Friedrich: „Hitler hat von Wagner die große Inszenierung gelernt, die Überwältigungswirkung. Das hat er für seine Parteitage und die Propaganda genutzt. Aber ein Antisemit wurde Hitler nicht durch Wagner, der war er bereits.“
Bayreuth: Hitlers Hoftheater
Massenmörder Hitler und die Bayreuther Festspiele – beide profitierten voneinander. Die Festspiele boten Hitler eine Bühne, auf der er sich als vermeintlicher Kulturmensch präsentieren konnte. Die Familie Wagner und die Festspiele wurden von den Nazis massiv subventioniert.
„Das war eine Symbiose. Es hat beiden genützt“, so Sven Friedrich. „Spätestens nach der sogenannten Machtergreifung 1933 brach eine scheinbar goldene Zeit für die Festspiele an, es gab keine finanziellen Probleme mehr. Bayreuth war dann das, was Thomas Mann richtigerweise Hitlers Hoftheater genannt hat.“
Schon lange vor Hitler erschwerte der Antisemitismus Richard Wagners und seiner Witwe Cosima jüdischen Künstlern den Zugang zu den Festspielen. Unter den Nationalsozialisten wurden die wenigen jüdischen Künstler der Festspiele ausgeschlossen und verfolgt. Die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ in Bayreuth erinnert unter anderem an die Opernsängerinnen Ottilie Metzger und Henriette Gottlieb, die in Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden.
Keine Reue bis zum Tod
Winifred Wagner blieb bis zu ihrem Tod eine glühende Hitler-Anhängerin und bezeichnete ihn noch 1975 in einem großen Interview als einen Freund der Familie. Auch bei den Festspielen gab es Kontinuitäten und eine schleppende Aufarbeitung der Vergangenheit. Zuletzt sorgte die zwischenzeitliche Ausladung des jüdischen Publizisten Michel Friedman (70) aus „Sicherheitsgründen“ zu einer Gedenkveranstaltung bei den Festspielen für einen Eklat.



