Nach der jüngsten Leitzinsanhebung der Europäischen Zentralbank (EZB) haben bislang nur wenige Banken in Deutschland die Tagesgeld-Zinsen für Bestandskunden erhöht. Laut einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox hoben seit der EZB-Sitzung am 11. Juni lediglich 138 von 823 untersuchten Instituten ihre Konditionen an – das entspricht etwa 17 Prozent. Im Durchschnitt stiegen die Zinsen um 0,18 Prozentpunkte, sodass die bundesweit verfügbaren Tagesgeld-Angebote nun im Mittel bei 1,38 Prozent liegen. Vor der Zinssitzung hatte der Durchschnitt noch 1,33 Prozent betragen.
Sparkassen und Genossenschaftsbanken besonders zurückhaltend
Regional aufgestellte Geldhäuser zahlen laut der Analyse besonders niedrige Zinsen. Sparkassen bieten demnach im Schnitt nur 0,41 Prozent aufs Tagesgeld, regionale Genossenschaftsbanken wie Volks- und Raiffeisenbanken 0,47 Prozent. Beide Gruppen legten seit Juni lediglich um jeweils 0,03 Prozentpunkte zu. Überregionale Banken gewähren laut Verivox im Schnitt etwa dreimal so hohe Tagesgeld-Zinsen wie örtliche Institute.
Verivox führt die Zurückhaltung der Banken auch auf die Struktur des Produkts zurück. Anders als beim Festgeld gelten höhere Tagesgeld-Zinsen nicht nur für neue Einlagen, sondern in der Regel auch für bereits angelegtes Geld. „Deshalb wirken sich steigende Zinsen für die Banken hier besonders stark auf ihre Kosten aus und die Banken geben das höhere Zinsniveau bislang nur zögerlich an ihre Tagesgeldanleger weiter“, sagt Oliver Maier, Geschäftsführer bei Verivox.
Hohe Tagesgeld-Zinsen meist nur für Neukunden
Zwar werben einzelne Banken derzeit mit Tagesgeld-Zinsen von bis zu 4 Prozent – etwa die Direktbank Chase zum Deutschland-Start. Solche Spitzenwerte gelten allerdings meist nur für Neukunden und nur befristet für einige Monate. Danach greifen in vielen Fällen deutlich niedrigere Standardzinsen. Wer sein Geld langfristig auf einem Tagesgeldkonto parken will, sollte daher weniger auf kurzfristige Werbeaktionen als auf die regulären Bestandskundenzinsen achten. Diese liegen laut Verivox bei deutschen Banken derzeit bei bis zu 2,5 Prozent, bei einigen Instituten im europäischen Ausland bei bis zu 2,6 Prozent.
Festgeld-Konditionen liegen über dem EZB-Leitzins
Deutlich attraktiver zeigt sich aus Sicht vieler Sparer derzeit das Festgeld. Hier liegen die durchschnittlichen Zinsen laut Verivox über sämtliche untersuchten Laufzeiten hinweg über dem aktuellen EZB-Einlagezins von 2,25 Prozent. Für einjähriges Festgeld werden im Schnitt 2,35 Prozent gezahlt, für zweijährige Anlagen 2,44 Prozent. Bei einer Laufzeit von zehn Jahren liegt der Durchschnittszins bei 2,9 Prozent. Im Festgeld-Vergleich sind in der Spitze sogar bis zu 3,5 Prozent Zinsen möglich.
Nach Einschätzung des Vergleichsportals haben Banken steigende Zinsen beim Festgeld bereits frühzeitig eingepreist. Hintergrund seien unter anderem die Inflationserwartungen gewesen. „Zudem rechnen die meisten Banken im Laufe des Jahres mit mindestens einer weiteren Leitzinserhöhung“, sagt Oliver Maier.
Zur Methodik der Untersuchung
Für die Untersuchung wertete Verivox nach eigenen Angaben die aktuellen Tages- und Festgeldkonditionen von mehr als 800 Banken und Sparkassen aus. Grundlage war eine Anlagesumme von 10.000 Euro. Beim Tagesgeld flossen ausschließlich unbefristete Standardzinsen für Bestandskunden in die Berechnung ein; befristete Sonderkonditionen für Neukunden blieben unberücksichtigt.



