Der internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen, Chirurg Christos Christou, berichtet über die zunehmenden Herausforderungen in Krisengebieten. In einem Interview mit dem SPIEGEL schildert er, wie sich verschiedene Krisen wie Kriege, Pandemie und Klimawandel überlappen und einen „perfekten Sturm“ erzeugen. Als Beispiel nennt er Haiti, wo ein bewaffneter Konflikt den Zugang zur Gesundheitsversorgung einschränkt und nun Cholera ausbricht. In Somalia führen Extremwetter, Dürren und Mangelernährung in Kombination mit Konflikten zu einem Teufelskreis.
Christou betont, dass angesichts der vielen Krisen humanitäre Hilfe und Nothilfe priorisiert werden sollten, anstatt umfassende Lösungen wie wirtschaftliche Entwicklung oder dauerhaften Frieden zu suchen. Die Covid-19-Pandemie habe die Situation verschlechtert, da Regierungen sich fast ausschließlich auf das Coronavirus konzentrierten und grundlegende Dinge wie sauberes Wasser oder die Behandlung chronisch Kranker vernachlässigten. Impfkampagnen für Kinder wurden ausgesetzt, und die Impfskepsis habe auf andere lebensrettende Vakzinen abgefärbt.
Die größte Herausforderung für die Organisation sei heute der Zugang zu den betroffenen Gebieten. Es werde immer schwieriger, mit Regierungen oder bewaffneten Gruppen zu klären, was die Helfer tun dürfen. Viele Regionen wie Tigray in Äthiopien oder Teile Syriens seien weiterhin unzugänglich. Christou erinnert an das Prinzip, dass der Arzt des Feindes nicht der Feind sei, und fordert die Einhaltung humanitärer Konventionen.



