Nach mehrjähriger Verzögerung ist die neue, extralange Straßenbahn der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) am 15. Juli 2026 erstmals im Fahrgastbetrieb gestartet. Der erste sogenannte Urbanliner nahm um 9.43 Uhr in Berlin-Weißensee auf der Linie M4 den Betrieb auf, einer der meistgenutzten Linien im Berliner Straßenbahnnetz, wie die BVG mitteilte.
Kapazität und Barrierefreiheit
Der Urbanliner ist mit etwas mehr als 50 Metern Länge gut zehn Meter länger als das nächstgrößere Trammodell Flexity. Er bietet Platz für 303 Fahrgäste, davon 88 Sitzplätze – insgesamt 70 Plätze mehr als der Flexity. Der Innenraum ist vollständig barrierefrei gestaltet, mit Mehrzweckbereichen für Rollstühle und Rollatoren sowie Sitzen in verschiedenen Höhen, unter anderem 40 Zentimeter für kleinwüchsige Fahrgäste.
Technik und Sicherheit
Der Urbanliner kommt ohne Rückspiegel aus; Kameras decken sämtliche Winkel um das Fahrzeug ab. „Nicht einsehbare Bereiche gibt es quasi nicht mehr“, teilte die BVG mit. Ein Assistenzsystem warnt Fahrer vor Hindernissen im Fahrbereich. Anders als bei der U-Bahn gibt es im Berliner Straßenbahnverkehr laut BVG keine Zuverlässigkeitsprobleme durch veraltete Fahrzeuge. Der Urbanliner soll daher vor allem die Sitzplatzkapazität auf wichtigen Linien erweitern.
Auslieferung und Verzögerungen
Die BVG hat insgesamt 65 Züge bei Alstom bestellt. 30 davon sollen bis 2028 ausgeliefert sein und die bisher auf der M4 fahrende GT6-Baureihe vollständig ersetzen. Bis 2030 sollen die übrigen Fahrzeuge kommen und auch auf anderen Linien eingesetzt werden. BVG-Chef Henrik Falk erklärte: „Mit diesen Neuwagen stellen wir nach der U-Bahn- auch die Straßenbahnflotte für die nächsten Jahrzehnte leistungsfähig auf.“ Die Anschaffung sei Teil von Milliardeninvestitionen in Flotte und Infrastruktur.
Der Urbanliner sollte bereits früher in Betrieb gehen. Im Sommer 2024 ging er in den Testbetrieb, der Fahrgastbetrieb war für das erste Quartal 2025 angekündigt. Im Februar 2026 wurde ein neuer Termin kurzfristig abgesagt. Hintergrund waren Uneinigkeiten mit der Zulassungsbehörde, vor allem wegen des hohen Gesamtgewichts. Am Alexanderplatz mussten im U-Bahn-Tunnel zwei zusätzliche Stützen eingebaut werden. Auf der Falkenhagener Brücke fahren die Züge – wie alle anderen Trams – mit reduzierter Geschwindigkeit (55 statt 60 km/h).



