Es ist selten, dass die Reform eines Lehrplans öffentliche Empörung auslöst. Im Januar geschah jedoch genau dies: Mit einem offenen Brief hatten mehrere Verbände medienwirksam beklagt, dass die DDR nach dem neuen Rahmenlehrplan Geschichte für die Oberstufe an Berliner Schulen nicht mehr verpflichtend sein würde. Doch die Kritik geht weiter: Der neue Rahmenlehrplan für Geschichte in Berlin und Brandenburg marginalisiert Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit – ein Schaden für den demokratischen Diskurs.
Ein Gastbeitrag von Michael G. Gromotka
Die Reform des Berlin-Brandenburgischen Rahmenlehrplans der Oberstufe in Geschichte hat weitreichende Konsequenzen. Während die öffentliche Debatte sich vor allem auf die fehlende Verpflichtung zur Behandlung der DDR konzentrierte, droht ein anderer Aspekt unterzugehen: Die klassischen Epochen der europäischen Geschichte – Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit – werden in ihrer Bedeutung stark zurückgedrängt. Stattdessen sollen moderne Themen und Methoden wie die Analyse von Netflix-Serien in den Vordergrund rücken.
Warum ist das problematisch?
Die Kenntnis dieser Epochen ist essenziell für das Verständnis unserer heutigen Gesellschaft. Ohne die Auseinandersetzung mit Caesar, Luther oder der Aufklärung fehlt Schülern ein Fundament, um aktuelle politische und kulturelle Entwicklungen einordnen zu können. Der demokratische Diskurs lebt von historischem Bewusstsein – wer die Wurzeln unserer Verfassung, der Menschenrechte oder der europäischen Integration nicht kennt, kann deren Bedeutung nur schwer erfassen.
Die Reaktionen
Der offene Brief vom Januar war nur der Anfang. Inzwischen haben sich zahlreiche Historiker, Lehrer und Bildungspolitiker zu Wort gemeldet. Sie fordern eine Überarbeitung des Lehrplans, der nicht nur die DDR, sondern auch die klassischen Epochen angemessen berücksichtigt. Die Bildungsverwaltungen in Berlin und Brandenburg stehen nun unter Druck, die Reform zu überdenken.
Es bleibt abzuwarten, ob die öffentliche Kritik Gehör findet. Fest steht: Eine Geschichtsbildung, die auf Netflix und aktuelle Ereignisse setzt, aber die Wurzeln unserer Zivilisation vernachlässigt, ist ein Risiko für die Demokratie.



