Neurodivergenz ist kein Randphänomen
Bildungsforscher Klaus Hurrelmann zufolge sind rund zehn Prozent aller Kinder von Neurodivergenz betroffen – darunter ADHS, Autismus und Lese-Rechtschreib-Störungen. „Das bedeutet: In fast jeder Schulklasse sitzen heute zwei oder drei Schülerinnen und Schüler, die anders lernen, anders wahrnehmen oder anders auf ihre Umwelt reagieren als die Mehrheit“, erklärte Hurrelmann im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Das Thema sei keineswegs auf betroffene Familien beschränkt, sondern stelle eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar.
Schulsystem ist nicht angepasst
Das Bildungssystem sei jedoch nicht auf diese Vielfalt vorbereitet. „Schule ist für das Durchschnittskind gebaut worden“, kritisierte Hurrelmann. Die starren Lehrpläne, standardisierten Tests und der Frontalunterricht benachteiligten neurodivergente Kinder systematisch. Statt individueller Förderung erlebten sie oft Ausgrenzung und Leistungsdruck. Dies führe zu Frustration auf beiden Seiten – bei den Kindern und den Lehrkräften.
Handlungsempfehlungen für Eltern und Schulen
Hurrelmann empfiehlt einen Paradigmenwechsel: Weg von der Defizitorientierung, hin zu einer Stärkenperspektive. Eltern sollten frühzeitig Diagnosen einholen und mit Schulen kooperieren, um individuelle Lernpläne zu erstellen. Schulen wiederum müssten flexible Unterrichtsmethoden, kleinere Klassen und multiprofessionelle Teams etablieren. „Es braucht mehr Fortbildungen für Lehrkräfte zum Umgang mit Neurodivergenz und eine bessere Ausstattung mit Schulpsychologen“, so der Forscher.
Realität klafft weit auseinander
In der Praxis sieht die Lage jedoch düster aus: Viele Schulen seien überfordert, es fehle an Ressourcen und politischem Willen. „Die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist riesig“, bedauert Hurrelmann. Während einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen Modellprojekte starteten, blieben andere weit zurück. Ohne systematische Reformen drohe eine ganze Generation neurodivergenter Kinder den Anschluss zu verlieren.



