Berlin. Stellen Sie sich vor, Sie lieben Ihren Beruf, haben ihn sich ausgesucht und jahrelang darauf hingearbeitet. Doch dann merken Sie: Dieser Beruf macht Sie krank. Genau so ergeht es Sarah Hesselmann. Die 35-jährige Grundschullehrerin aus Neukölln hat nach neun Jahren im Schuldienst gekündigt. Sie liebt ihren Beruf, doch die Belastung wurde zu groß.
Überlastung und mangelnde Wertschätzung
Sarah Hesselmann unterrichtete Sport und Pädagogik. Sie nahm ein Sabbatical, um Abstand zu gewinnen, kehrte zurück und versuchte es erneut. Doch im Mai 2026 war Schluss. Der Lärm in der Schwimmhalle verstärkte ihren Tinnitus. Zudem blieb ihre Überlastungsanzeige sechs Monate lang unbeantwortet. Dies empfand sie als mangelnde Wertschätzung, wie sie unserer Bildungsreporterin Nicole Dolif erzählte.
Zahlen belegen den Trend
Sarah ist kein Einzelfall. Im Schuljahr 2024/25 verließen 694 Berliner Lehrkräfte den Schuldienst auf eigenen Wunsch. In den vergangenen fünf Jahren waren es insgesamt 4476. Das geht aus einer schriftlichen Anfrage des Grünen-Bildungspolitikers Louis Krüger an den Senat hervor, die der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegt. Besonders besorgniserregend: Vor allem die 30- bis 45-Jährigen gehen – jene, die eigentlich das Rückgrat des Schulsystems bilden sollten.
Insgesamt verließen im vergangenen Schuljahr 2668 Lehrkräfte den Berliner Schuldienst – rund 100 mehr als im Vorjahr. 810 gingen in den Ruhestand, 355 davon frühzeitig. 93 ließen sich in ein anderes Bundesland versetzen – doppelt so viele wie noch im Vorjahr.
Lösungsansätze und politische Herausforderungen
Die Lücke wird oft klein gerechnet: von prognostizierten 1500 fehlenden Vollzeitstellen auf heute rund 200. Allerdings auch deshalb, weil unbesetzte Lehrerstellen mit Ergotherapeuten und Sozialarbeitern aufgefüllt werden. Eine echte Lösung ist das nicht.
Sarah Hesselmann hat eine Idee: kleinere Klassen. Die Geburtenrate sinkt, Kitaplätze bleiben leer, Grundschulen werden weniger Kinder aufnehmen. „Das wäre eine tolle Chance“, sagt sie. Eine Chance, Strukturen zu verbessern, statt Schulen zu schließen.
Die Frage ist, ob jemand zuhört. Immerhin blieb Sarahs Überlastungsanzeige sechs Monate lang unbeachtet. In Zeiten des Sparzwangs ist fraglich, ob sich strukturell wirklich etwas ändert. Sarah hat die Hoffnung nicht aufgegeben – das ist das eigentlich Erstaunliche.
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