Roland Korn, der als Chefarchitekt von Ost-Berlin das Stadtbild maßgeblich prägte, ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Der Architekt, der unter anderem das Staatsratsgebäude und den Alexanderplatz mitgestaltete, verstarb überraschend in dieser Woche. Noch vor wenigen Wochen war er als scharfzüngiger Kritiker der kapitalistischen Investorenarchitektur aufgetreten, die sich nicht um Ästhetik und sozialen Zusammenhalt kümmere.
Vom Maurer zum Chefarchitekten
Korn wurde 1930 in Suhl geboren und erlernte nach dem Krieg den Maurerberuf. Ab 1948 studierte er an der Fachschule für Bauwesen in Gotha, während die DDR gegründet wurde. Die DDR prägte sein gesamtes Leben. Bereits 1955 arbeitete er an den Entwürfen Kurt Leuchts für das heutige Eisenhüttenstadt, damals Stalinstadt, mit. Dort begann auch seine Partnerschaft mit dem Innenarchitekten Hans Erich Bogatzky.
1959 gewann Korn sensationell den Wettbewerb für die Magdeburger Elbschwimmhalle, eine von Licht durchströmte Halle. Dieser Erfolg führte dazu, dass er in die Kollektivleitung für den Bau des ersten Repräsentativbaus der DDR, das Staatsratsgebäude, berufen wurde.
Das Staatsratsgebäude und der Alexanderplatz
Das Staatsratsgebäude, 1964 fertiggestellt, ist geprägt von einer Reliquie: dem Portal IV des Berliner Schlosses. Von diesem Portal aus rief Karl Liebknecht am 9. November 1918 die Sozialistische Deutsche Republik aus. Für die SED legitimierte diese Rede seit 1945 ihren Allmachtsanspruch. Korn übernahm die Stockwerkteilungen des 1950 gesprengten Berliner Schlosses, um dem barocken Portal einen neuen architektonischen Sinn zu geben.
1964 entwarf Korn im Team von Hans Grothewohl den neuen Alexanderplatz. Mit Bogatzky gestaltete er den schlanken Turm des Interhotels Stadt Berlin – das heutige Park Inn – als städtebauliches Pendant zum Fernsehturm. Ab 1968 entstand zusammen mit Johannes Briske, Roland Steiger und Bogatzky das Haus des Reisens, ein Musterbau des Internationalen Stils.
Internationale Projekte und Chefarchitekt von Ost-Berlin
Korn war kurzzeitig im Gespräch, als Chefplaner nach Bagdad zu gehen, doch die Berliner SED intervenierte: Korn werde hier gebraucht. Stattdessen entwarf er in Chile für die Regierung Salvador Allendes Fertighäuser aus Holz, um die Wohnungsnot zu lindern. 1973 wurde er von der SED zum Chefarchitekten von „Berlin – Hauptstadt der DDR“ berufen. Unter Erich Honecker konzentrierte er sich auf das Wohnungsbauprogramm, insbesondere in Marzahn und Hohenschönhausen, sowie die planerische Flankierung des Nikolaiviertels.
Das Ende der DDR und die Renaissance seiner Bauten
Am 4. November 1989 stand vor Korns Haus des Reisens jener Lastwagen, von dem aus Redner der größten Demonstration der DDR-Geschichte die Abdankung der SED forderten. Korns Lebenswerk schien am Ende. Doch überraschenderweise erlebte das Staatsratsgebäude eine Renaissance: Es fügte sich in die postmoderne Sehnsucht nach einem traditionsreicheren Berlin ein und trug zur Erfindung des Begriffs der „Ostmoderne“ bei. 2025 wurde das Haus des Reisens in die Denkmalliste aufgenommen. Die stilistische Flexibilität von Roland Korns Werken macht sie zu einem bedeutenden Erbe Berlins.



