Der seit 2017 gesperrte Waisentunnel unter der Spree in Berlin wird abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Die Bauarbeiten beginnen im Spätsommer 2024 und sollen bis Ende 2030 abgeschlossen sein. Die Kosten belaufen sich auf mindestens 100 Millionen Euro, inklusive der Sanierung des Verbindungsgleises zwischen U5 und U8.
Warum der Tunnel für die BVG unverzichtbar ist
Die U-Bahn-Linie 5 ist seit zehn Jahren vom Rest des Netzes getrennt, da der Waisentunnel aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde. Wasser war eingedrungen. Laut BVG hat der Tunnel „eine herausragende Bedeutung“, weil es an der U5 (Hauptbahnhof–Hönow) keine Werkstatt für die regelmäßige Generalüberholung der Züge gibt. Seit der Sperrung werden die Waggons einzeln mit Lastwagen in die Werkstatt transportiert – ein Verfahren, das BVG-Chef Henrik Falk als „teuer und ineffizient“ bezeichnete.
Falk rechnete vor: Früher dauerte es ein bis zwei Tage, bis ein Zug aus der Werkstatt zurück auf der U5 war. Nun dauere es „mindestens 14 Tage“. Dies sei schlecht für einen stabilen Betrieb.
Ein langwieriges Projekt mit vielen Hürden
Projektleiter Dennis Backwinkel bezeichnete den Tunnel als „Triathlon“: Auf einen Planungsmarathon folgte ein Genehmigungsmarathon und nun ein Baumarathon. Selbst für Berliner Verhältnisse ging es langsam voran. Ursprünglich sollte der nur 200 Meter kurze Spreetunnel saniert werden, doch die Schäden waren größer als gedacht. Für den Ersatz muss der Fluss halbseitig gesperrt werden. Zweimal scheiterte die BVG am Widerstand der für die Schifffahrt zuständigen Behörden. Die Spree ist in Berlin eine Bundeswasserstraße; 2006 fuhren dort 3500 Binnenschiffe und 15.930 Ausflugsdampfer.
Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) kritisierte eine „Verweigerungshaltung“ in der Politik. Die SPD hatte den Ersatzbau 2021 infrage gestellt. Im Koalitionsvertrag von Rot-Grün-Rot hieß es: „Es sind alle Alternativen zu prüfen, damit die U5 wieder mit dem übrigen U-Bahn-Netz verbunden wird.“
Kostenexplosion und Alternativvorschläge
Die BVG hatte ursprünglich 50 Millionen Euro genannt. Der SPD-Abgeordnete Sven Heinemann zweifelte an der Summe: „Als Haushaltspolitiker mache ich da ein Fragezeichen dran. Unter 100 Millionen ist das nicht zu machen.“ Diese Einschätzung ist bereits eingetroffen. Heinemann schlug vor, die U-Bahn-Züge über ein Gleis der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn in die Werkstatt nach Britz zu bringen oder einen neuen Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Turmstraße (U9) zu bauen. Beides lehnten BVG und Verkehrsverwaltung ab.
Bauablauf und historische Bedeutung
Die BVG beschreibt die kommenden vier Jahre: Zunächst wird der Tunnel mit Stahlbetonschotten von den beiden Gleisen Richtung Alexanderplatz und Heinrich-Heine-Straße getrennt, um das Eindringen von Wasser zu verhindern. Anschließend wird das bestehende Bauwerk abgerissen. Für den Neubau werden zuerst auf der südlichen Spreeseite Spundwände und eine Sohlplatte eingebracht, bevor die Baugrube ausgepumpt wird. Danach wird die Baugrube wieder geflutet und eine weitere Spundwandkonstruktion auf der nördlichen Spreeseite eingerichtet. „Auf diese Weise entsteht Schritt für Schritt ein vollständig neuer Tunnel“, so die BVG.
Der Waisentunnel ist bekannt durch eine spektakuläre Flucht einer Ost-Berliner Familie 1980 in den Westen. Ausgetüftelt hatte die Flucht ein Mitarbeiter der Ost-Berliner Verkehrsbetriebe. Weniger bekannt ist der Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg parallel zum Tunnel unter der Littenstraße. Die beiden Senatorinnen Ute Bonde und Franziska Giffey (SPD) wurden von BVG-Mitarbeitern durch mehrere hundert Meter Bunker zu einer Feier vor dem „Wehrtor“ geführt. Die Wehrtore waren zur Sicherheit eingebaut worden, denn durch ein Loch in der Tunneldecke wären weite Teile des U-Bahn-Netzes geflutet worden.



