Die ehemalige Konsum-Kaufhalle an der Charlottenstraße in Berlin-Friedrichsfelde ist Geschichte. An ihrer Stelle erhebt sich heute das moderne Wohn- und Gewerbeensemble „Alfred & Charlotte“. Der Abriss des einstigen Lost Places besiegelte das Ende einer bewegten Geschichte, die von der DDR-Planwirtschaft über die Nachwendezeit bis zum Verfall reichte.
Von der DDR-Kaufhalle zum Lost Place
Die Konsum-Kaufhalle wurde am 20. März 1985 eröffnet und versorgte die Bewohner des Kiezes nördlich des Tierparks Berlin mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs. Auf einer Verkaufsfläche von 442 Quadratmetern bot die Filiale Grundnahrungsmittel, Industriewaren sowie Fleisch-, Backwaren und Obst an Bedientheken. Der Bau wurde vom Wohnungsbaukombinat Schwerin errichtet. Nach der Wiedervereinigung übernahm eine westdeutsche Supermarktkette den Standort, zuletzt betrieb Netto dort einen Markt. In den 2010er-Jahren gab der Discounter die Filiale jedoch auf, und die Halle verfiel zusehends. Graffitis zierten die Fassaden, Rost fraß an den Metallträgern, und Pflanzen durchbrachen den Asphalt des Parkplatzes. Die einst pulsierende Einkaufsstätte wurde zu einem modernen Lost Place.
Neubauprojekt „Alfred & Charlotte“
Ein Investor erwarb das rund 4.000 Quadratmeter große Grundstück Mitte der 2010er-Jahre und plante einen Neubau mit 100 bis 120 Wohnungen, einer Kindertagesstätte und 500 Quadratmetern Einzelhandelsfläche. Im Frühjahr 2017 rückten schwere Baumaschinen an, die die verwaiste Kaufhalle in Schutt und Asche legten. Nach der Planierung des Geländes begannen 2019 die Bauarbeiten für das Projekt „Alfred & Charlotte“. Entwickelt wurde die Anlage von der „Belle Époque Tierpark GmbH“, Auftraggeber war die „Duff & Phelps REAG GmbH“, Investor die „Hannover Leasing Investment GmbH“. Das sechsgeschossige Gebäudeensemble mit L-förmiger Blockrandbebauung entstand nach Plänen des Berliner Architekturbüros „Walk Architekten“. Es umfasst 120 Wohnungen, sechs Gewerbeeinheiten, Aufzüge, Mieterkeller, Tiefgaragenstellplätze und einen Spielplatz. Zudem beherbergt es die zweigruppige Kindertagesstätte „Stepke-Kita Schloss-Spatzen“. Von der einstigen Kaufhalle sind keine Spuren mehr erhalten.
Die Geschichte der Konsumgenossenschaft Berlin
Die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend (KGB) blickt auf eine lange Tradition zurück. Gegründet 1899, zählte sie Ende 1989 rund 280.000 Mitglieder und war eine der größten Handelsgenossenschaften der Welt. Sie beschäftigte 14.000 Mitarbeiter, betrieb 785 Verkaufsstellen, 62 Kaufhallen in Ostberlin, elf Kaufhäuser, 79 Clubgaststätten, ein Hotel und zwei Produktionsbetriebe. In der NS-Zeit wurden die Konsumgenossenschaften verfolgt, der Berliner Zweig 1935 aufgelöst. Nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte Befehl Nr. 176 der Sowjetischen Militäradministration die Wiederaufnahme. In der DDR waren Konsum und HO die dominierenden Einzelhandelsorganisationen. Die Kaufhalle an der Charlottenstraße war die siebte dieser Art im Stadtbezirk, wie die Berliner Zeitung im März 1985 berichtete.
Vom Ost- zum Westsortiment
Mit der Wirtschaftsunion am 1. Juli 1990 hielten Westwaren Einzug in die Regale der Kaufhalle. DDR-Produkte waren plötzlich unerwünscht. Die KGB musste sich angesichts des Konkurrenzdrucks von vielen Verkaufsstellen trennen und entließ Tausende Mitarbeiter. Im September 1992 schloss die Genossenschaft ihre letzte eigene Verkaufsstelle und zog sich aus dem Einzelhandel zurück. Viele Kaufhallen wurden von westdeutschen Ketten wie Aldi, Netto oder Kaisers übernommen. Die Kaufhalle an der Charlottenstraße wurde zuletzt als Netto betrieben, bevor der Discounter den Standort aufgab.
Ein neues Kapitel für den Kiez
Das Wohnprojekt „Alfred & Charlotte“ hat die Lücke, die der Verfall der alten Kaufhalle hinterlassen hatte, geschlossen. Die Anwohner profitieren von neuem Wohnraum, einer Kita und Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss. Der Name des Ensembles erinnert an die beiden Straßen, zwischen denen es liegt: die Charlottenstraße und die Alfred-Kowalke-Straße. Die Geschichte der Konsum-Kaufhalle bleibt als Teil der Berliner Stadtgeschichte lebendig, auch wenn von ihr vor Ort nichts mehr zu sehen ist.



