Fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) der Opfer gedacht und die Lehren aus der Katastrophe betont. Bei der zentralen Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz von Bad Neuenahr-Ahrweiler bat der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) die Anwesenden um Entschuldigung für das Versagen des Staates in jener Nacht – und erntete dafür Applaus.
Merz: Staat muss bei Katastrophen unterstützen
Kanzler Merz sicherte in seiner Rede vor rund 1.000 Menschen allen von Natur- und Klimakatastrophen Betroffenen Unterstützung zu. „Ich möchte es mit Nachdruck sagen: Kein Mensch, keine Stadt, keine Region darf und soll in unserem Land alleine bleiben mit der Furcht vor Katastrophen und Naturgewalten, mit der Furcht vor den Folgen des Klimawandels, den wir erleben“, sagte Merz. Er betonte, es sei die Pflicht staatlicher Organisationen, Vorsorge zu treffen, wo die Gefahren die Vorsorgekraft des Einzelnen übersteigen.
Steinmeier, der zuvor in der Kapelle des Friedhofs in Ahrweiler einen Kranz niedergelegt hatte, sagte: „Dieser Tag ist auch ein Auftrag an uns alle, mit unseren Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass Hochwasserkatastrophen mit den Folgen, wie wir sie hier erlebt haben, sich möglichst nicht wiederholen.“
Bilanz der Flutnacht: 185 Tote und viele Verletzte
Die Flut in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 war eine der schwersten Naturkatastrophen in der jüngeren deutschen Geschichte. Nach tagelangem Starkregen verwandelte sich vor allem die Ahr in ihrem engen Tal in eine verheerende Sturzflut. Mindestens 136 Menschen kamen in Rheinland-Pfalz ums Leben, 49 in Nordrhein-Westfalen. Hunderte wurden verletzt. Eine Person aus der Ahr-Region gilt bis heute als vermisst. Viele Überlebende kämpfen noch immer mit psychischen Folgen.
Ministerpräsident Schnieder räumte ein: „Der Staat hat in dieser Frage und in dieser Nacht versagt.“ Fehlbarkeit habe dazu geführt, dass das Ahrtal nicht auf diese Katastrophe vorbereitet gewesen sei. Schnieder war zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe CDU-Landtagsabgeordneter.
Ausstellung „We Ahr Strong“ zeigt Porträts und Geschichten
Sowohl Schnieder als auch Steinmeier besuchten am Vormittag die Eröffnung der Fotoausstellung „We Ahr Strong. Fünf Jahre, ein neuer Blick“ in Altenahr. Die Ausstellung zeigt Porträts von Menschen aus der Region und erzählt, was ihnen in der schweren Zeit geholfen hat, worauf sie stolz sind und welche Zukunftsvisionen sie haben. Der 89-jährige Eberhard Schimanski aus Ahrweiler berichtete: „Alles, was ich geliebt habe, ging in dieser einen schrecklichen Nacht verloren.“ Seine Frau sei ihm in einer Flutwelle aus den Armen gerissen worden. Mittlerweile blickt er mit Zuversicht in die Zukunft: „Mir ist das Leben noch mal geschenkt worden, nach fünf Jahren nach dieser Flut.“
Steinmeier sagte: „Fünf Jahre später ist der Schmerz und das Leid nicht vergessen. Aber wenn wir hier sind, dann erinnern wir nicht nur an den Ort einer Katastrophe, sondern auch an einen Ort, der ein beeindruckendes Maß an Solidarität erfahren hat.“
Landrätin Weigand: Manche Verluste sind unersetzlich
Die parteilose Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand, die die Flut selbst miterlebt hatte – damals war sie noch Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr –, erklärte, die Ausstellung zeige, dass von der Flut mehr geblieben sei als Zerstörung. Doch: „Manche Verluste sind unersetzlich.“ Sie bat den Bund um eine Öffnung der Aufbauhilfefonds für Hochwasserrückhaltebecken.
Am späten Nachmittag besuchte Schnieder die Lebenshilfe in Sinzig, wo in der Flutnacht zwölf Menschen ums Leben gekommen waren. Das neu renovierte Haus der Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung liegt am Unterlauf der Ahr. Carola Körbel, die damals in der Einrichtung wohnte, berichtete: „Das war die schlimmste Nacht, die ich je in meinem Leben erlebt habe. Einer der gestorben ist, ist mein bester Freund gewesen.“ Mit einer Handbewegung über ihrem Kopf verdeutlichte sie, wie hoch das Wasser gestanden hatte.
Reformen im Katastrophenschutz nach der Flut
Nach der Flut wurden Reformen im Katastrophenschutz angestoßen, darunter ein Sirenen-Förderprogramm und die Einführung von Cell Broadcast als Warnsystem. Damit können Warnmeldungen direkt an alle Mobiltelefone gesendet werden, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Gebiet im Netz befinden. In Rheinland-Pfalz entstand zudem ein neues Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz.
Merz betonte, es sei die Pflicht staatlicher Organisationen, Vorsorge zu treffen, wo Gefahren die Vorsorgekraft des Einzelnen übersteigen. In den betroffenen Gebieten erwarte man zu Recht, dass die Bundespolitik über die Aufbauhilfefonds hinaus ihren Anteil an der Unterstützung der Betroffenen leiste.



