Nach 22 Jahren gibt Friseurmeisterin Anja Neumann ihren Salon im Schanzenviertel auf. Grund ist der Bau der neuen Sternbrücke, der ihr die Existenzgrundlage entzieht. Die 68-Jährige will den Laden verkaufen.
Vom grünen Ausblick zur Baustelle
Im Friseursalon auf der Max-Brauer-Allee ist fast alles wie immer. Friseurinnen waschen, färben und schneiden Haare, die Kaffeemaschine brummt. Doch der Ausblick hat sich drastisch verändert. Früher stand ein Baum vor dem Salon, den Neumann als „Klimaschirm“ bezeichnet. Heute fällt der Blick auf ein riesiges Baugerüst und den grauen Rohbau der neuen Sternbrücke.
Entscheidung zum Verkauf
„Ich werde hier weggehen, das geht nicht mehr, ich kann das nicht aushalten“, sagt Neumann. „Letztendlich haben sie mir die Grundlage entzogen, hier weiter bleiben zu wollen.“ Zu Hochzeiten beschäftigte sie 17 Mitarbeitende, heute läuft das Geschäft trotz Branchenwandel gut. Dennoch hat sie den Entschluss gefasst, ihren Laden zu verkaufen.
Wandel des Viertels
Die alte Sternbrücke war fast 100 Jahre alt und wurde täglich von über 900 Zügen passiert. Ersetzt wird sie durch eine 108 Meter lange und 21 Meter breite Stabbogenkonstruktion, die auf der Brammerfläche vorgefertigt wird. Früher war dort ein Club, der das Viertel im Sommer bereicherte. „Die Mütter haben da mit ihren Kindern gesessen und gespielt, man hat da Geburtstage gefeiert“, erinnert sich Neumann.
Verlust der Natur
Besonders vermisst sie die Natur, die der Baustelle weichen musste. Die Bahn ließ entlang der Max-Brauer-Allee 86 Bäume fällen, die bei Neumanns Eröffnung 2004 bereits 25 Jahre alt waren. „Das ist ja jetzt keine Allee mehr, jetzt ist's ja ein Stück Autobahn“, beschreibt sie die viel befahrene Straße. Die DB teilt mit, die Rodung sei notwendig gewesen, eine Umpflanzung sei verworfen worden. Pro gefälltem Baum verspricht die DB drei neue: 115 Straßenbäume, 100 in Grünanlagen und 45 in der Allee nach dem Bau.
Lärm und Hitze
Der späte Sommer war für Neumann ein Segen, denn gegen die Hitze im Laden kämpfen surrende Ventilatoren. Autos rauschen vorbei, dazu kommt das Hämmern der Baustelle. „Es habe Zeiten gegeben, da habe ich vor lauter Baulärm mein eigenes Wort nicht verstehen können.“
Anwohner in Sorge
Vor der Sperrung sind Anwohner beunruhigt. Eine Imbissbetreiberin zeigt ein Schreiben der DB, das Fragen offen lässt. Ein Kioskinhaber beklagt, dass Pakete künftig nur bis zur Straßensperre geliefert werden. Die Initiative Sternbrücke hat sich formiert. Ein Sprecher sagt: „Die Lautstärke kommt überraschend.“ Wenn nachts plötzlich gearbeitet werde, packe niemand seinen Koffer und breche ins Hotel auf.
Hotelzimmer für Betroffene
Wegen nächtlicher Störungen haben 400 Haushalte Anspruch auf ein Hotelzimmer. In den Wochen vor der Sperrung nutzten 70 Haushalte das Angebot, einige Wochen später waren es mindestens 150, wie ein Bahnsprecher berichtet.
Verkehrsbehinderungen
Fahrradfahrer und Fußgänger drängen sich zu Stoßzeiten auf dem Gehsteig. Buslinien werden umgeleitet. Ende Juli sollen die vorgefertigten Brückenteile 500 Meter zur Baustelle transportiert werden. Bis Anfang September ist die Allee für Autos gesperrt.
Protest ohne Erfolg
Neumann engagierte sich erstmals politisch: Sie sammelte Geld, sprach auf Demos und gewann junge Leute. Dass der Bau keine größere Empörung auslöst, wundert sie nicht: „Alles, was über den Tellerrand hinaus ist, ist eigentlich uninteressant für die Leute.“ Die Schuld sieht sie beim Senat und beim Bürgermeister. Architekten hätten Alternativen erarbeitet, doch „das Monster“ bekam den Zuschlag. Die DB betont, die Brücke stelle nach Abwägung aller Faktoren „das Optimum dar“.
Neuanfang
Neumann ist überzeugt, dass ihre Kundschaft ihr in einen neuen Laden folgen wird. „Das ist natürlich verrückt, weil das müsste ja gar nicht sein, nochmal so eine Anstrengung“, sagt sie. Gleichzeitig sei ihre Stärke als Selbstständige, sich unvorhergesehenen Situationen zu stellen. In Rente kann sie noch nicht gehen. Derzeit führt sie Gespräche mit einem potenziellen Käufer.



