Nach 13 Jahren intensiver Forschung haben Archäologen in der italienischen Provinz Bergamo einen spektakulären Fund gemacht: das „vollständigste Bergbaudorf der Alpen“ aus dem 5. Jahrhundert. Die Entdeckung auf 1700 Metern Höhe oberhalb von Carona in der Lombardei gewährt einzigartige Einblicke in das Leben und Arbeiten der Menschen in den Alpen über einen Zeitraum von rund tausend Jahren.
Ein Dorf über Jahrhunderte
Die Ausgrabungen in 15 verschiedenen Bereichen legten die Spuren eines Dorfes frei, das bereits im 5. Jahrhundert nach Christus besiedelt war. Ab dem 6. Jahrhundert begann dort die Eisenproduktion, die bis mindestens ins 16. Jahrhundert fortgesetzt wurde. „Durch Kohlenstoffdatierungen konnten wir die Anwesenheit des Menschen in diesem Gebiet bereits für das 5. Jahrhundert nachweisen“, erklärt Grabungsleiter Enrico Croce. Die Eisenproduktion begann im folgenden Jahrhundert, wurde nach mehreren Jahrhunderten Unterbrechung vom 11. bis zum 16. Jahrhundert wieder aufgenommen.
Einzigartige Funde und Techniken
Besonders bedeutend sind die sogenannten „Reglane“ – spezielle Röstöfen, die für die Verarbeitung des Erzes notwendig waren. In ihnen wurde das Material zerkleinert und erhitzt, um Schwefel- und Karbonatbestandteile zu entfernen. In der frühen Phase erfolgte die Verarbeitung direkt vor Ort, später wurde das Erz vermutlich zu Schmelzöfen in Carona transportiert. Bei den jüngsten Untersuchungen entdeckten die Archäologen zudem Mauerreste einer bislang nicht eindeutig bestimmten Struktur, deren Bauweise an traditionelle Bergunterkünfte erinnert.
Neues Museum in Carona
Am 8. August soll in Carona das „MIRCarona“ eröffnet werden – das Museum der Felszeichnungen. In zwei restaurierten Gebäuden werden künftig die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen sowie Nachbildungen antiker Felsinschriften gezeigt. „Was wir gefunden haben, ist das vollständigste Bergbaudorf der Alpen“, sagt Stefania Casini, Direktorin des Archäologischen Stadtmuseums von Bergamo. Die Ausstellung wird mit gläsernen Wänden und Beleuchtung gestaltet, sodass Besucher die Inhalte auch außerhalb der Öffnungszeiten von außen sehen können.
Keltische Felsgravuren und Zukunftsperspektiven
Ein weiterer Schwerpunkt des Museums sind die Felszeichnungen aus dem Tal Val Camisana auf mehr als 2000 Metern Höhe. Seit 2005 wurden dort rund 200 Gravuren entdeckt, die aus der keltischen Zeit stammen und etwa 2500 Jahre alt sein sollen. Im Museum werden Reproduktionen dieser Inschriften gezeigt. Eine langfristige Öffnung als archäologischer Park ist möglich, erklärte Casini. Dafür seien umfangreiche Sicherungs- und Konservierungsmaßnahmen notwendig. Die abgelegene Lage in großer Höhe mache ein solches Projekt besonders anspruchsvoll. Die eigentlichen Grabungen sind inzwischen abgeschlossen; die freigelegten Bereiche wurden wieder abgedeckt, um sie zu schützen.



