Mit einer Mischung aus Respekt und Neugier hat der neue rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder den Weinkeller in der Mainzer Staatskanzlei betreten – einen Raum, der von seinem Vorgänger Helmut Kohl geschaffen wurde und für die CDU jahrzehntelang praktisch tabu war. „Ich kannte den legendären Weinkeller, aber ich war selbst nie drin“, gesteht der CDU-Landeschef. Erst nach dem Regierungswechsel im Frühjahr 2026 wurde der Zutritt für ihn möglich.
Ein Keller mit Geschichte: Von Kohl bis Scharping
Seit dem Regierungsantritt von Ministerpräsident Rudolf Scharping im Jahr 1985 war der Weinkeller fest in SPD-Hand. „35 Jahre hat ihn kaum einer von uns gesehen. Ich glaube, aus der aktuellen Fraktion niemand“, sagt Schnieder. „Marcus Klein (Chef der Staatskanzlei) war der Erste, der einfach mal rein ist.“ Der Keller, der deutschlandweit einzigartig ist, wurde auf Wunsch Kohls 1970 im ehemaligen Kohlekeller im Erdgeschoss der Staatskanzlei eingebaut. Er unterscheidet sich deutlich von den Büros und Sitzungsräumen in dem denkmalgeschützten Gebäude neben dem Landtag.
Ein Ort der informellen Kommunikation
„Helmut Kohl ging es insbesondere darum, einen Ort der informellen Kommunikation zu schaffen“, heißt es heute in der Staatskanzlei. „Zu förmlich und ritualisiert schienen ihm die Sitzungen des Ministerrats. Und so traf er sich mit seinem Kabinett oder anderen Gästen zu abendlichen Weinrunden, um Fragen des Landes zu besprechen.“ Der Pfälzer Kohl, der von 1969 bis 1976 Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz war, legte großen Wert auf eine lockere Atmosphäre. Der Architekt Horst Römer aus Kaiserslautern verwendete Originalgegenstände aus verschiedenen Regionen des Bundeslands, darunter Original-Fassdauben aus Edenkoben, Keramiken aus Bad Ems und am Eingang die Skulptur „Fröhlicher Steuermann“, ein Detailabguss des Neumagener Weinschiffs.
Original erhalten: Holzpaneelen und Fassboden
Die Holzpaneelen an der Wand und die runde Form erinnern an ein gigantisches Weinfass. Ein charakteristischer Geruch nach Keller und Wein liegt in der Luft; bei Sommerhitze ist der Keller einer der wenigen kühlen Orte im historischen Neuen Zeughaus. Neben dem großen Rund gibt es zwei kleinere Tische. „Es ist alles noch von damals original“, sagt Schnieder. Mit Ausnahme der zwei Durchgänge im großen Tischrund: „Früher kam man hier nicht so einfach raus, da saß man ziemlich eingeschlossen.“
Kurt Beck erinnert sich an Unfall
Der langjährige Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) berichtet, dass entweder alle aufstehen oder man über den Tisch steigen musste, wenn jemand den Raum verlassen wollte. Dabei habe sich Bernhard Vogel einmal deutlich am Kopf verletzt, weil über dem Tisch noch ein großer Fassboden mit einem sehr scharfkantigen Stahlring hing. Beck ließ daraufhin den Fassboden abhängen und Öffnungen in dem runden Tisch schaffen. Seither müssen auf der gepolsterten Bank dahinter nicht mehr so viele aufstehen oder durchrutschen. „Sonst ist aber noch alles original Helmut Kohl“, betont Beck.
Nutzung damals und heute
Der Weinkeller wurde vor allem genutzt, „wenn man ein bisschen Lockerheit in die Gespräche bringen wollte“, erinnert sich Beck. Heute wird er laut Schnieder „vor allem für interne Besprechungen, Abschlussabende oder Presserunden genutzt“. Als Beck 1993 in die Staatskanzlei einzog, entsprach die Qualität der im Nebenraum eingelagerten Weine nicht dem Anspruch rheinland-pfälzischer Tropfen. Nach und nach wurde ein Bestand angelegt, der die Qualität präsentiert – Beck hatte dafür rund 19 Jahre Zeit als Ministerpräsident.
Zukunft des Weinkellers
„Der Weinkeller ist eine kleine Besonderheit am Rande und passt zu Rheinland-Pfalz. Es wäre schade, wenn man das aufgibt“, sagt Beck. Schnieder hat das nicht vor: „Er bleibt erstmal so, wie er ist. Das macht ja auch die besondere Tradition aus und gibt die alte Zeit wieder.“ Der Keller zeigt deutlich, dass Rheinland-Pfalz Weinland ist. „Helmut Kohl ist aus heutiger Sicht einer der ganz großen Politiker, was mich auch ein Stück ehrfürchtig macht“, sagt Schnieder. „Das war seine Zeit, in dieser der Keller eingerichtet wurde – und heute darf ich hier sitzen.“



