Carl ist 82 Jahre alt, lebt in Berlin-Steglitz, ist seit Jahrzehnten verheiratet, hat vier Kinder und ein gutes Auskommen. Doch sein Leben wird vom Alkohol bestimmt. Was als jugendliches Vergnügen begann, hat sich zu einer schweren Abhängigkeit entwickelt. Der ehemalige Rechtsanwalt trinkt inzwischen schon vor dem Frühstück, um das Zittern zu unterdrücken. Im Laufe des Tages konsumiert er eine ganze Flasche Wein.
Vom geselligen Trinken zur einsamen Sucht
Carls Alkoholkarriere begann mit 15 Jahren. Wein und Bier gehörten an den Wochenenden dazu, um in Stimmung zu kommen. Als Student und später als Rechtsanwalt trank er weiter, aber nach festen Regeln: „Nie vor 18 Uhr“, und er achtete auf die Menge. Der Job sollte nicht leiden. Mit der Pensionierung vor zwölf Jahren verschoben sich die Grenzen. Der erste Schluck rutschte immer weiter nach vorne – vom Mittagessen zum Frühstück.
„Kopfkino“ nennt Carl seine nächtliche Unruhe. Statt des früheren Glases Wein zur Entspannung sind es nun regelmäßig eine halbe Flasche pro Abend. Der Schlaf bringt kaum Erholung. Alkohol ist ein Nervengift. Morgens ist Carl gerädert, das Aufstehen fällt schwer. Das Zittern zwingt ihn zum ersten Schluck, den er kaum zum Mund führen kann, ohne zu verschütten.
Sucht verdrängt alles andere
Die Sucht will den ganzen Menschen. Sie drängt Ehe, Kinder, Freunde, Hobbys, sogar die Körperpflege in den Hintergrund. Carl trinkt nicht mehr mit anderen, sondern vor ihnen und schließlich allein. Die Scham ist groß. Früher war er stolz auf seinen Beruf als Anwalt, half vielen Menschen, war ein sozialer Mensch. Heute steht das Scheitern im Vordergrund. „Wie bekomme ich das alles versteckt?“, fragt er sich. Er möchte sich nicht in die Karten schauen lassen.
Carl weiß, dass es Hilfe gibt: Ärzte, Krankenhäuser, Therapeuten. Viele Abhängige finden täglich den Weg aus der Sucht. Doch er denkt: „In meinem Alter, wie viele Jahre bleiben mir denn noch? Das macht doch keinen Sinn mehr.“ Vielleicht geht es aber nicht um die Anzahl der verbleibenden Jahre, sondern darum, wie diese aussehen.
Ein Leben ohne Kontrolle
Carls Geschichte steht für viele ältere Menschen, die mit einer langjährigen Alkoholabhängigkeit kämpfen. Aus anfänglichem Genuss wird eine quälende Gegenwart ohne Mut zur Zukunft. Die Sucht hat die Führung übernommen. Carl bestimmte jahrzehntelang die Regeln, nun bestimmt sie der Alkohol. Sein Leben ist geprägt von Schlaflosigkeit, Zittern und Einsamkeit. Dabei könnte er vermeintlich sorgenfrei leben – wenn nur der Alkohol nicht wäre.



