Kai Viehof, der Enkel des Gründers der Handelskette Allkauf, hat sich entschieden, den Großteil seines Erbes nicht anzunehmen. Stattdessen will er sieben Achtel des bereits erhaltenen zweistelligen Millionenbetrags spenden oder in sozial verantwortliche Unternehmen investieren. Der 44-jährige Mönchengladbacher tritt damit in die Fußstapfen anderer vermögender Erben wie Marlene Engelhorn oder Sebastian Klein, die ihr Geld nicht vermehren, sondern verteilen wollen.
Hintergrund: Das Erbe und die Entscheidung
Viehofs Großvater baute in den 1960er-Jahren die Handelskette Allkauf auf, die 1998 für rund eine Milliarde Mark an die Metro AG verkauft wurde. Schon als Jugendlicher beschloss Viehof, sein Erbe zu spenden. Sein Vater schenkte ihm früh einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag, den er jedoch nicht vollständig behalten wollte. Das eigentliche Erbe, einen bis zu dreistelligen Millionenbetrag, schlug er aus. Nach einem Gespräch mit seinem Vater floss dieser Betrag in eine gemeinnützige Stiftung, mit der Viehof nichts zu tun hat; vertretungsberechtigt ist sein Vater.
Viehof begründet seine Entscheidung mit moralischen Bedenken: „Das ist für mich keine Neiddebatte. Das ist für mich eine zentrale Debatte, der sich auch die stellen müssen, die im System gewonnen haben.“ Er wolle nicht hinnehmen, dass Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit mit dem Begriff „Neiddebatte“ abgeschmettert werden.
Spendenstrategie: Fokus auf Demokratie
Viehof konzentriert sich bei seinen Spenden auf die Förderung der Demokratie. „Ohne Demokratie könne man alle weiteren Themen, auch den Klimawandel, vergessen“, zitiert er Anna-Lena von Hodenberg, Gründerin von Hate Aid. Fünf Jahre lang will er Hate Aid mit jeweils einem sechsstelligen Betrag unterstützen. Auch Correctiv, Brand New Bundestag und die Bürgerbewegung Finanzwende erhalten Zuwendungen. Seit 2023 unterstützt er zudem den Verein „Fair Share of Women Leaders“ mit einer jährlich sechsstelligen Summe. Dessen Co-Geschäftsführerin Helene Wolf sagt: „Sein Beitrag ist extrem wichtig für die langfristige, strategische Arbeit. Es gibt zu wenige Männer, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Kai zeigt mit seinem Engagement, wie auch sie aktiv werden können.“
Investitionen und Impact-Investing
Neben Spenden investiert Viehof in Unternehmen, die sich dem gesellschaftlichen Wohl verschrieben haben. Dem Tampon-Start-up Vyld gewährte er ein Darlehen von 750.000 Euro. Dem Porridge-Start-up Haferkater half er mit einer sechsstelligen Summe beim Wechsel ins Verantwortungseigentum. Viehof betont, dass er Geld, das er in solche Unternehmen steckt, gedanklich bereits abgeschrieben hat. Sollte etwas zurückkommen, will er es in neue Impact-Investments stecken.
Herausforderungen und Grenzen
Viehof räumt ein, dass Spenden gelernt sein will. Er habe in Projekte investiert, die weniger Wirkung entfaltet haben, und erlebt, dass großzügige Zusagen zu teuren Strukturen führten. Er stückelt höhere Beträge über mehrere Jahre, damit Organisationen langfristig planen können. Wenn Projekte nicht weiter unterstützt werden, müsse er schwere Entscheidungen treffen: „Möglicherweise lässt man dann eine Organisation über die Klinge springen. Dahinter stehen Einzelschicksale von Personen, die ihren Job verlieren.“
Felix Oldenburg, Chef des Stiftungs-Start-ups Bcause, sagt: „Sich sichtbar zu engagieren, ist für diese Erben eine Lose-lose-Situation. Sie werden kritisiert von denen, die finden, dass sie noch zu wenig spenden, und denen, die finden, dass sie viel zu viel spenden.“ Viehof gehört zu denen, die trotzdem darüber reden.
Ausblick und persönliche Perspektive
Viehof hat noch knapp drei Achtel seines Vermögens. Wenn alles weg ist, will er sich stärker auf seinen Aktivismus für Verteilungsgerechtigkeit konzentrieren. Das Verhältnis zu seinem Vater hat sich verbessert: „Er ist in Diskussionen bei mir, dass sich da was tun muss. Ich bewundere ihn sehr dafür, dass er progressiv weiterdenkt.“ Viehof ist es gelungen, keine Geschäftsbeziehung zur Familie zu haben – fast schon sind sie Verbündete.



