Die versteckten Kosten der ständigen Ablenkung
Wir achten darauf, wofür wir unser Geld ausgeben. Aber wer oder was unsere Aufmerksamkeit bekommt, darüber führen die wenigsten Buch. Das hat Folgen.
Wenn Sie diese Zeilen lesen, schenken Sie mir gerade ein paar Minuten Ihres Lebens. Sie hätten tausend andere Dinge tun können. Stattdessen sind Sie hier. Wie privilegiert ich als Journalist bin, dass Menschen mir regelmäßig ihre Aufmerksamkeit schenken, ist mir erst vor ein paar Monaten wirklich bewusst geworden. Aufmerksamkeit ist eine so knappe Ressource, und alle konkurrieren um sie: Netflix, Podcasts, Werber, die Push-Nachrichten auf dem Smartphone, die Benachrichtigungen über eingetroffene Mails oder Neues auf Whatsapp. Das ganze Gebimmel. Einen Text dieser Länge bis zum Ende zu lesen, kostet Sie drei oder vier Minuten. Noch länger dauert es, wenn Sie zwischendurch innehalten, über ein Argument nachdenken oder prüfen, ob die Perspektive des Autors plausibel ist oder verzerrt.
Skurrilerweise braucht es eine ganze Menge Aufmerksamkeit, um überhaupt zu bemerken, wie begrenzt die eigene Aufmerksamkeit ist. Die meisten Menschen wissen vermutlich ziemlich genau, wie viel Geld sie haben und wofür sie es ausgeben. Sie überlegen vor einem Kauf, ob es ihnen das wert ist. Doch wo die eigene Aufmerksamkeit hingeht, darüber hat man wenig Überblick.
Was außerhalb des Lichtkegels bleibt
Vor allem übersieht man leicht, wem oder was man seine Aufmerksamkeit über den Tag verteilt alles nicht schenkt. Solange einem das nicht klar ist, läuft man automatisch Gefahr, seine Aufmerksamkeit an Nichtigkeiten zu vergeuden – weil man eben die Kosten nicht sieht. In der Wissenschaft wird Aufmerksamkeit gern als Scheinwerfer beschrieben, den man nacheinander auf etwas richtet. Alles, was außerhalb des Lichtkegels liegt, bleibt unsichtbar.
Ein Feind der Aufmerksamkeit ist die Ablenkung. Menschen lassen sich sehr leicht ablenken. So funktionieren ja auch die meisten Zaubertricks: Während der entscheidende Handgriff passiert, schaut das Publikum woanders hin, weil der Magier die Aufmerksamkeit dorthin gelenkt hat. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass nicht nur die bösen Aufmerksamkeitsräuber da draußen schuld sind. Vieles blenden wir selbst aus. Die Sterblichkeit der Menschen, die wir lieben. Ein schwieriges Gespräch, das längst hätte geführt werden müssen. Es gab mal eine Phase in meinem Leben, da hatte ich so Angst, bei der Abgabe der Steuererklärung einen Fehler zu machen, dass ich einen Steuerberater beauftragte – und anschließend den Steuerberater geghostet habe.
Die wichtigen Dinge, über die es nachzudenken lohnt, drängen sich oft nicht auf. Man muss sich schon bewusst dazu entscheiden, ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen. Das fällt deutlich leichter, wenn man sich parallel aktiv dazu entscheidet, den unwichtigen Dingen Aufmerksamkeit zu entziehen. In meinem Freundeskreis erlebe ich häufig, dass Menschen einer Person systematisch zu wenig Aufmerksamkeit schenken: sich selbst. Der eine ist mürrisch, kommt aber nicht darauf, dass er eigentlich bloß Hunger hat oder schlecht geschlafen oder – das ist meist der Grund – sich mal wieder überfordert fühlt. Der andere vergisst ständig zu genießen oder etwas mit seinen Eltern zu unternehmen, obwohl sie ihm so viel bedeuten.
In einer Welt, in der von allen Seiten um Aufmerksamkeit gebuhlt wird, ist es verständlich, dass man sich selbst hintenanstellt und nicht so wichtig nimmt. Aber hilft das? Wenn mir jemand ein paar Minuten seines Lebens schenkt, möchte ich, dass sie gut investiert sind. Ich will seine Zeit nicht verschwenden und hoffe, dass am Ende mindestens ein guter Gedanke bleibt.
Ein altmodisches Mittel gegen Zerstreuung
Nach einer Empfehlung habe ich vor zwei Monaten etwas sehr Altmodisches getan. Ich habe wieder angefangen, Tagebuch zu führen. So richtig mit Füller auf Papier. In meiner Jugend hatte ich das schon einmal gemacht, und wenn ich heute reinschaue, wundere ich mich über all die Bundesliga-Ergebnisse, die ich dort notiert habe. Dieses Mal möchte ich es besser machen. Durch das Tagebuch merke ich, wohin meine Aufmerksamkeit fließt. Es ist quasi ein Kontoauszug der eigenen Aufmerksamkeit. Auf einmal sieht man schwarz auf weiß, womit man sich tatsächlich beschäftigt hat. Womit man sein Leben verbringt. In den frühen Einträgen ging es vor allem um Probleme, die ich selbst gar nicht lösen kann. Auch um die Frage, was andere über einen denken könnten. Inzwischen schreibe ich häufiger auf, was schön war.
Was verdient Ihrer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit, als es derzeit bekommt? Schreiben Sie mir: aufdemschirm@tagesspiegel.de



